Zeitplaner

Das Wichtigste im Leben kommt nicht in der Zukunft, sondern liegt in der Gegenwart, schreibt P. Christof Wolf, der geistliche Beirat der GKP, in seinen Gedanken zum Neuen Jahr.

Dass wir unsere Welt mit dem aktuellen nuklearen Arsenal mehrfach vernichten könnten, ist in der Tat sehr bedrohlich, aber dass das Leben unseres Planeten endlich ist, wissen wir längst. Abgesehen von Anhängern obskurer Prophezeiungen, die dann doch nicht eintreten, gerät niemand deswegen in Panik. Glaubt man modernen astrophysikalischen Modellen, wird sich unsere Sonne in fünf Milliarden Jahren zu einem roten Riesen aufblähen, dabei Merkur und Venus verschlingen und die Erdoberfläche in einen Lava-Ozean verwandeln. Der Zeithorizont von Milliarden Jahren bleibt letztlich viel zu abstrakt für unsere tatsächliche Lebensspanne, um darüber ins Grübeln zu kommen.

Schaut man in die Evangelien, so finden sich dort auch Vorstellungen vom Ende der Welt. Ein exaktes Datum gibt Jesus zwar nicht preis: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mt 24,36), eine Nah-Erwartung hat er jedoch schon: „Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschieht“ (Lk 21,32). Jesus verbindet das Ende mit der Zerstörung von Jerusalem, dem Weltgericht und dem Kommen des Menschensohnes: „Wenn ihr aber seht, dass Jerusalem von Heeren eingeschlossen wird, dann erkennt ihr, dass seine Verwüstung bevorsteht. Dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; wer in der Stadt ist, soll sie verlassen, und wer auf dem Land ist, soll nicht in die Stadt gehen. Denn das sind die Tage der Vergeltung, damit alles in Erfüllung geht, was geschrieben steht. [...] Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt die Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ (Lk 21,20-22, 25-28)
Für die meisten heutigen Menschen wirken diese Texte befremdlich. Vielleicht gar nicht so sehr die Vorstellung vom Gericht oder dass damit das Kommen des kosmischen Christus verbunden ist. Denn dass wir einmal Rechenschaft über unser Leben geben müssen, ist eine wichtige sinnstiftende Perspektive. Vielleicht rührt die Irritation vor allem daher, dass wir Meister im Planen sind. Zur Zeit Jesu bezog sich das Planen der Zukunft auf die Zeiten von Aussaat und Ernte, jedoch nicht auf das nächste Jahr. Wir aber lieben effiziente Planung – bloß keine Zeitverschwendung! Wir planen unseren Tag, die nächste Woche, den nächsten Jahresurlaub, die nächste Sitzung etc. Tagungs- und Exerzitienhäuser haben mittlerweile in ihrer Planung einen zwei- bis dreijährigen Vorlauf. Wenn Jesus heute käme und mich besuchen wollte, würde ich wohl in meinen Smartphone-Kalender schauen und müsste ihm dann sagen: „Die nächsten drei Wochen geht’s ganz schlecht. Eigentlich sind die nächsten zwei Monate auch schon verplant – wie wäre es in drei Monaten?“
Als ein großer Verleger kurz vor seinem Rentenantritt starb, waren Angehörige, Freunde, Bekannte wegen des menschlichen Verlustes betroffen. Aber viele beklagten auch seinen viel zu frühen Tod, weil dieser den Mann, der in seiner Arbeitszeit so Großes geleistet hatte, um den wohlverdienten Ruhestand gebracht habe, wo er die Früchte seiner Arbeit hätte genießen können. Das klang fast so, als sei er gestorben, bevor das „richtige Leben“ für ihn begann. Da müsste man sich tatsächlich fragen, was denn die ganze Arbeit tauge, wenn das Leben erst danach beginnt.
Vielleicht hilft es, einmal das Planen einfach zu lassen und mir vorzustellen, was wäre, wenn Jesus in meinem Leben in jeder Situation dabei wäre – nur sichtbar für mich. Würde das nicht mein Leben Tag für Tag von Grund auf verändern? Und was können wir überhaupt tatsächlich planen? Doch nicht wirklich viel. Diese Erkenntnis könnte uns beim Plänemachen für das neue Jahr die notwendige Gelassenheit geben. Vor allem sollten wir nicht die Gegenwart aus den Augen verlieren. Wie lebe ich jetzt meine Beziehungen? Wie gehe ich jetzt mit meiner Lebenszeit um? Planlos dahinleben sollten wir nicht, aber beim Einteilen der Zeit nie vergessen, dass das Wichtigste im Leben nicht in der Zukunft kommt, sondern in der Gegenwart liegt. Im bewussten Da-Sein im Hier und Jetzt.
         Christof Wolf SJ

 

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