Systemrelevant?

Die Kirche kann in diesen Zeiten der Coronakrise den Menschen Hoffnung und Trost geben, schreibt Christof Wolf SJ, geistlicher Beirat der GKP, in den GKP-Informationen im Mai.

 

In manchen Medien konnte man dieser Tage lesen, es habe sich gezeigt, dass die Kirchen nicht „systemrelevant“ seien. Lebensnotwendig sind die Krankenhäuser, die Polizei, die Supermärkte, sogar die Baumärkte, aber nicht die Kirche, und dementsprechend dürfen keine Gottesdienste mehr gefeiert werden. Was genau heißt eigentlich system-relevant? Sind etwa Schulen und Hochschulen unwichtig in unserem Land? Legt man seinen Glauben und seine Grund-Überzeugungen ab, weil man gerade keinen gemeinsamen Gottesdienst feiern kann? Und stimmt denn die Einschätzung „nicht relevant“ wirklich? Der Blick auf das Leben Jesu zeigt uns etwas anderes.

Am Anfang von Jesu Wirken steht die Aufforderung zur Umkehr. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Man könnte auch sagen: Überprüfe und ändere deine Lebenseinstellung, deine Beziehung zu Gott und den Menschen. Auch wenn im Moment vor allem praktisches Handeln von Medizin und Politik gefordert ist – über unseren zukünftigen Lebensstil werden wir nachdenken müssen. Die Ausbeutung des Planeten, die immer schnellere Taktung unseres Lebens, die Ökonomisierung vieler Lebensbereiche unter dem Deckmäntelchen von Effizienz, Digitalisierung und Professionalisierung – jedes Jahr ein neues Smartphone, möglichst viele Must-haves, tolle Flugreisen… Sind das die Werte, für die wir leben wollen? Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Wie könnte für mich ein einfacher Lebensstil aussehen, der beziehungsorientiert und nachhaltig ist, und der mich auch glücklich macht? Viele werden vermutlich nach der Krise in den alten Trott zurückfallen. Aber Religion ist der permanente Aufruf zur Umkehr. Sie ist Spezialistin für Umkehr. Und genau deswegen ist die Kirche, ist Religion essenziell.
Jesus betet mit den Jüngern und zieht sich auch oft in die Stille zurück, um alleine zu beten. Für die Jünger ist das Gebet Jesu, das „Vaterunser“, identitätsstiftend. Das stille Gebet, das Zwiegespräch mit dem Vater ist für Jesus selber essenziell. Was wir jetzt durchleben, ist eine Zeit des Betens. Viele Menschen, die nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen dürfen, Großeltern und andere Betagte, die besonders vom Besuchsverbot betroffen sind, finden in ihrer Einsamkeit Trost und Hoffnung im Gebet.
Auch das Fürbitte-Gebet ist wichtig, gerade in schweren Zeiten, für die kranken und leidenden Menschen, die einsam Sterbenden. Es zeigt nicht nur eine ganz wichtige menschliche Eigenschaft, nämlich Empathie, sondern es öffnet für alle einen neuen geistigen Horizont, eine neue Perspektive, und es zeigt eine zutiefst menschliche Einstellung, wie der Psalmist es formuliert: „Neues Leben finden – schenke mir so zu leben“ (Ps 119,40). Und wir hören in diesem Vertrauen betend Jesu Zusage: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20).
Jesus heilt viele Kranke und kümmert sich um die aus der Gesellschaft Ausgestoßenen. Nicht umsonst sind Diakonie und Caritas ein Urauftrag der Kirche und heute systemwichtiger denn je. Wie viele bewegende Beispiele von Selbstaufopferung sind doch berichtet worden! Da hat etwa ein italienischer Priester sein Beatmungsgerät einem jüngeren Patienten überlassen und ist daraufhin selber verstorben. Und dann die vielen Krankenschwestern und Pfleger, die ganz im Sinne christlicher Hingabe Dienst tun, nicht selten bis zur Erschöpfung. Oder die drei jungen Ordensbrüder in Rom, die sich von ihren älteren Mitbrüdern räumlich getrennt haben, um in Quarantäne zu leben und in Schutzanzügen den Menschen im Spital die Krankenkommunion und Sterbesakramente zu spenden. Sie nehmen das Risiko in Kauf, angesteckt zu werden – im Vertrauen darauf, dass sie dank ihrer Jugend eine allfällige Infektion gut überstehen würden. Tatsächlich hat sich dann einer von ihnen angesteckt und ist nach kurzer Zeit wieder gesund geworden.
Jesus hat der Welt durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen den Glauben und die Hoffnung über den Tod hinaus geschenkt. In der Krankenhaus-Realität ist die Zuversicht oftmals von Ängsten verhüllt. Eine junge Frau, die intubiert und dabei ins künstliche Koma versetzt werden soll, hat große Angst, nie wieder aufzuwachen. Die Ärztin erklärt ihr den medizinischen Eingriff und versucht sie zu beruhigen: „Das schaffen Sie schon.“ Aber was wenn nicht? Die Worte der Ärztin bringen die Angst der Frau kaum zum Schweigen. Doch als Christen haben wir eine umfassende Hoffnung. Wir werden in jedem Fall aufwachen. Entweder in diesem Leben bei unseren Lieben in dieser Welt, oder aber beim liebenden Gott.
Die Kirche, also wir, die wir Jesu frohe Botschaft in der Welt verkünden, wir können in diesen Zeiten den Menschen Hoffnung und Trost geben. Ist das nicht essenziell für diese Gesellschaft?
         Christof Wolf SJ

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