Je spiritueller, umso weltlicher

Bruder Paulus Terwitte, Kapuziner und seit März 2006 geistlicher Beirat der GKP, schreibt einmal im Monat unter dem Titel "Mittel.Punkt" ein Wort der Besinnung, das auf der letzten Seite der Mitgliederzeitschrift „GKP-Informationen“ abgedruckt wird. Im Januar 2012 hält er es für die vornehmste Berufung katholischer Publizisten, "die Nacht zu zeigen und dabei das Morgenrot nicht zu unterschlagen".

„Wacht auf, Harfe
und Saitenspiel! Ich
will das Morgenrot
wecken.“
(Ps 108, 2b.3)

 

In den Evangelien ist von „Wachen“ die Rede, von der Bereitschaft für den Empfang des Herrn, wenn er kommt. Doch gilt auch: Der Messias ist schon gekommen; wir sind jetzt schon eine, ja: seine Neuschöpfung. Ja. Doch dann auch: Aber! Denn Jesus verkündet nur die Nähe des Reiches Gottes und nicht dessen totale Präsenz. Seine Gleichnisse sprechen vom Wachsen. Ihnen gemeinsam ist: Die Saat ist ausgesät, wir haben (nur) wachsam das Wachsen zu begleiten. Die Ernte aber wird nicht unser sein. Und wie das Ende aussehen wird, können wir auch nicht zuverlässig sagen. Wir können es nicht einmal vorhersehen. Uns bleibt, Ausschau zu halten nach dem kommenden Himmel. Und das, ohne der Erde untreu zu werden.

Mehr noch: Die Ausschau nach dem kommenden Himmel befähigt uns erst, in rechter Weise der Erde treu zu sein. Otto Betz schreibt: „Kommt Jesus wieder? So haben wir gefragt. Vielleicht will er wieder kommen in den Menschen, die etwas von ihrer Zeit verstanden haben und die in der Lage sind, die konkreten Aufgaben deutlicher zu erkennen. Vielleicht will er wiederkommen in den Blutzeugen, die die ‚Malzeichen Jesu an ihrem Leib tragen‘ (Gal 6,17), um das durch ihr eigenes Leiden zu ergänzen, was an den Leiden Jesu noch fehlt.“ Und:  „Immer wieder erneuert sich das Schicksal Jesu und wird im Schicksal der Zeugen auf transparente Weise die Passionsgeschichte erkennbar. Thomas von Celano beschreibt Franziskus von Assisi: ‚Jesus trug er im Herzen, führte ihn im Munde, hatte er in den Ohren, trug ihn in den Augen, in den Händen, ja in allen übrigen Gliedmassen immerdar‘.“   Man mag das pathetisch nennen. Doch der erheblichen Verantwortung, die einem Christen aufgeladen ist,  muss eine intensiv gelebte andere Seite entsprechen: Der starken Liebe zu dem, der Hoffnung auf und dem Glauben an den, der wirklich wiederkommen wird. Sonst wird aus der Verantwortung – verstanden als Antwort auf den Ruf des wiederkommenden Herrn – schnell ein ethischer Ballast, uns zugeworfen mal aus dem Katechismus, mal aus dem Beichtspiegel, dann wieder aus der kirchenkritischen Ecke und am Ende auch noch aus der Ecke der selbsternannten Verteidiger der Kirche.

Christliche Verantwortung durchströmt jedoch die Leichtigkeit von Engelsgesang. „Wach auf, meine Seele! Wacht auf, Harfe und Saitenspiel! Ich will das Morgenrot wecken.“ (Ps 108, 2b.3) Das könnte ein gutes Jahresmotto 2012 werden. Es geht um ein „Aufwachen“, das Jesus von uns fordert und darum, wie wir es anpacken sollen. Ihm entspricht eine Lebensweise, die frei ist von Kleinmut, jede müde Mittelmässigkeit flieht, sich nicht in bürgerliche Bequemlichkeit flüchtet und Wohlstand nicht definiert als Sattheit in Faulheit. Gleichzeitig widersteht die harfenspielende Hoffnung der Versuchung zu einem überbordenden Aktivismus: Wir sollen Jesus nachfolgen, nicht nachrennen. Die katholische Kirche als Gesangsraum. Ihre Glieder – statt erfüllt von Harm und Zittern - bewegt von Harfe und Zither! Ich halte Publizisten katholischen Glaubens für achtsame Musikanten der Hoffnung, sei es im Hören und Aufgreifen von Tönen und Misstönen, sei es im Stimmen so mancher Redaktionskonferenzen mit der Stimmgabel der Hoffnung. Ich halte es für unsere vornehmste Berufung, die Nacht zu zeigen und dabei das Morgenrot nicht zu unterschlagen, mutig das Negative aus der Verdrängung zu befreien, ohne einem defätistischen Denken zu verfallen. Katholische Publizisten finden im Kreuz eine Wünschelrute der Wahrheit, die sie zu einer katholischen Weite führt und sensibilisiert für die Themen, die Gott auf die Tagesordnung von Einzelschicksalen, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik oder auch Kirche schreibt.

So wecken Kolleginnen und Kollegen mit aufregenden Themen und Recherchen „das Morgenrot“. Sie lassen sich nicht beirren von oberflächlichen Einwänden, die dem Markt, der Quote, der Auflage oder dem Ansehen eines Medium oder gar einer Person geschuldet sind. Ich bin davon überzeugt: Mit Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, kann man die Welt objektiver betrachten. Insofern gilt: Je spiritueller, umso weltlicher. Kennzeichen einer solchen Spiritualität: Sie oszilliert zwischen dem Schon-Da des Gottesreiches und seinem Noch-Nicht, dem gelassenen Ankommen-Lassen des Gottesreiches und einem mutigen Aufbruch um seinetwillen.      

Auf dem Weg zur diesjährigen Mitgliedersammlung in Berlin wünsche ich unserem Verband Gelassenheit und Mut zum Aufbruch. Die Pflicht zu diesem Termin sei jedem ein sanfter Fingerzeig am Anfang des neuen Jahres 2012. Uns erwartet wieder eine gute Gelegenheit, einander zu wecken und zu bestärken. Wir können dort unsere eigene wie unsere gemeinsame Weise, in der Medienwelt mitzuspielen, neu (be-)stimmen. Und „das Morgenrot wecken“.    

Ihr und Euer Bruder Paulus

Diesen und die früheren Mittel.Punkt-Texte können Sie auf unserer Übersichtsseite als pdf nachlesen

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