Nicht nur kritisch, sondern auch selbstkritisch

Klaus Nientiedt ärgerte sich darüber, dass manche Medien beim Thema Coronakrise Intrerviewpartner eher vorführen wollen, als sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen.

 

Worüber haben Sie sich zuletzt in den Medien so richtig geärgert?

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Medien aus? Der Informationsbedarf in der Gesellschaft scheint größer zu werden – aber ebenso der Druck auf die Medien, in dieser Situation auf sich aufmerksam zu machen. Dabei traten manche negative Seiten des medialen Handels zutage.
In den ersten Wochen der Corona-Pandemie war immer wieder der Wunsch zu hören, man solle nicht in Panik verfallen. Dieser Satz war immer wieder gerade auch bei solchen Medien zu hören, etwa den Boulevardmedien, deren  zuspitzende und dramatisierende Berichterstattung selbst am ehesten dazu geeignet waren, Panik zu verbreiten. Bei verschiedenen Interviews zu dem Themenbereich erwischte ich mich bei dem Eindruck, der Interviewer wolle den Interviewpartner wohl eher vorführen, als sich tatsächlich kritisch an sein gewähltes Thema heranzuwagen.

Vor allem der Versuch, das Pandemie-Geschehen mit den bekannten Sehgewohnheiten der Personalisierung und der Machtpolitik zu betrachten, lenkte von den eigentlich wichtigen Themen ab. Versuche, das politische Geschehen auf einen Machtkampf zwischen den Ministerpräsidenten Bayerns und Nordrhein-Westfalens, Markus Söder und Arnim Laschet, zu reduzieren, wurden dem Ernst der Lage nicht gerecht.
Katastrophen sind die Stunde der Exekutive – aber rechtfertigte das bereits die Frage, ob Angela Merkel möglicherweise doch noch über das Ende der Legislaturperiode hinaus als Kanzlerin im Amt verbleiben werde? Die Auftritte von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beim aktuellen Pandemie-Briefing als Versuche hinzustellen, im Kampf um den Kanzlersessel zu punkten, muteten peinlich an. Medien sollten nicht nur kritisch sein, sondern sie kommen nicht umhin, auch selbstkritisch zu sein.

An welcher journalistischen Leistung konnten Sie sich jüngst erfreuen?

 Vor einem Jahr brannte der Dachstuhl der Pariser Kathedrale Notre-Dame aus. Verschiedene Medien erinnerten aus diesem Anlass an die Ereignisse in der Karwoche 2019 und die Maßnahmen, die seither auf der Ile de la Cité in Paris unternommen wurden.
Die ARD brachte dazu eine exzellente Reportage unter dem Titel „Die Retter von Notre Dame“. Wer angenommen hatte, hier würde man all die Bilder noch einmal sehen, die bereits seit einem Jahr hinlänglich bekannt sind, täuschte sich. Die Reportage berichtete über die Rettungsmaßnahmen der letzten zwölf Monate – ganz nahe dran an denen, die diese nicht ungefährliche Arbeit leisten: junge Techniker, die mit einer Mischung aus professioneller Expertise und Unerschrockenheit an die Arbeit gehen. Ob bei der Arbeit an den Gewölben, am beschädigten Metallgitter oberhalb der Vierung, bei der Verstärkung der Strebepfeiler - der Film zeigte die Herausforderungen, die sich den Fachleuten stellen, auf ebenso anschauliche wie – ja, auch das - spannende Weise. So etwas sieht man nicht jeden Tag.

Wie reagieren Sie Ihren Ärger ab?
 
Ich bemühe mich, eine gewisse Skepsis gegenüber allem zu bewahren, was sich in den Medien nur allzu selbstsicher, alternativlos und spektakulär gibt. Lieber mehr Nachdenklichkeit als Effekthascherei und Inszenierung. Und vor allem realisieren, dass sich auch jeder Kritiker irgendwann der Kritik stellen muss.
 
Klaus Nientiedt, verheiratet, zwei Kinder. Stipendiat des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses, Redakteur der Münsteraner Bistumszeitung „Kirche und Leben“ (1980/81), der in Freiburg erscheinenden Monatszeitschrift „Herder Korrespondenz“ (1984-1998) und Chefredakteur der in Karlsruhe erscheinenden Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg, „Konradsblatt“ (1998-2019).

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