Ärger über zuviel Talk im TV

In der Rubrik "Zu meinem Ärger" äußert sich in den GKP-Informationen 03/2012 Isolde Fugunt. Sie ist Studienleiterin am ifp, dem Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses in München

Worüber haben Sie sich zuletzt in den Medien so richtig geärgert?

Über Günther Jauchs Sonder-Talksendung zu Christian Wulffs Rücktritt.
Im Öffentlich-Rechtlichen wird ohnehin viel zu viel getalkt, da hat eine Sondersendung gerade noch gefehlt. Wenigstens wurde Jauch von der Realität ausgebremst, bevor er am Sonntag darauf eine Stunde lang mit seinen Gästen über einen möglichen Bundespräsidenten-Kandidaten hätte spekulieren können.

Geärgert habe ich mich auch über die unmöglichen Sendezeiten der sehr spannenden ARD-Dokumentationen über die „Stasi auf dem Schulhof “ (00:15) und der Dokumentation „Heimlich in Homs“ (00:30) – stattdessen wird getalkt, getalkt, getalkt (siehe Jauch). Wenigstens gibt es die ARDMediathek...

An welcher journalistischen Leistung konnten Sie sich jüngst erfreuen?

Der Artikel „Im Freien Fall“ von Alex Rühle und Kai Strittmatter in der Süddeutschen Zeitung hat mich sehr berührt. Er beschreibt die Auswirkungen des Griechenland-Sparkurses auf die Menschen in diesem Land. Natürlich war mir auch zuvor klar, dass der Sparkurs enorme Auswirkungen auf die Griechen haben muss. Allerdings war das eine abstrakte Vorstellung. Durch die Beschreibung der Einzelschicksale und Verhältnisse in Athen – lange Schlangen vor der Armenspeisung, ein Computertechniker, der seine Wohnung verloren hat, Kinder, die im SOSKinderdorf leben, weil das Essen zu Hause nicht mehr reicht - sind mir die Probleme der Griechen sehr nah gerückt. Nach der Lektüre war ich dann zwar uber die journalistische Leistung in der SZ erfreut; vor allem war ich jedoch wütend auf deutsche Meinungsfuhrer wie ifo-Chef Hans-Werner Sinn, die Menschen den Gürtel enger schnallen wollen, die schon keine Hosen mehr anhaben. Sicher: Griechenland braucht strukturelle Reformen, aber nicht dieses unmenschliche Spardiktat.

Wie reagieren Sie Ihren Ärger ab?

Diese Art von Ärger brauche ich nicht abzureagieren. Oft entstehen dadurch spannende Diskussionen mit Freunden, Familie oder auch den Stipendiaten im ifp: Hat das deutsche Exportwunder nicht auch etwas mit den wirtschaftlichen Defiziten im Süden der EU zu tun? Wie weit reicht die Solidarität der Deutschen zu den europäischen Partnern? Stimmt es eigentlich, dass die griechische Regierung nichts tut, um die Krise in den Griff zu bekommen?

Isolde Fugunt

Die Seite "Zu meinem Ärger" in den GKP-Informationen 02/2012

Zum Archiv der Rubrik "Zu meinem Ärger"

Druckversion

AddThis

|||||