Martin Thull auf dem Jakobsweg

Dr. Martin Thull war als Redakteur über 20 Jahre in katholischen Medien tätig, dann die letzten zehn Jahre als Verlagsgeschäftsführer in Aachen. Seit einem Jahr im Ruhestand ist er jetzt freier Autor. Und seit 1996 auf Jakobswegen unterwegs.

Ich bin 2011 auf dem Jakobsweg unterwegs – mal wieder und noch immer. Dieses Mal in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf der „via regia“. Als Wanderer, als Pilger? Jedenfalls freue ich mich, mit den Einheimischen – anders als in Frankreich und Spanien – ins Gespräch zu kommen. Das ist dann der Journalist in mir.

Eben neugierig sein auf Menschen und Geschichten: Zweimal sind wir uns schon begegnet. Sie kam mir auf dem Rad entgegen. Und erwiderte meinen Gruß eher erstaunt als herzlich. Später überholte sie mich. Jetzt sitzt sie am Wegesrand, das Rad an einen Baum gelehnt.

Ich habe eine Pause nötig. Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt, dass sie gerne mit dem Rad losfahre, wenn ihr zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Seit ihr Mann vor ein paar Jahren gestorben ist, wohnt sie hier auf dem Land. Ich erzähle von meinem Woher und Wohin.
Dann frage ich nach ihren Erlebnissen zur Wendezeit. Sie klingt verbittert, beklagt, dass ihr Mann mit schon gut 60 Jahren nochmals habe neu anfangen müssen. Er war schon in der DDR selbständig im Straßenbaugewerbe. Der Staat habe die Preise diktiert und dann noch hohe Steuern erhoben. Mit der Wende sei das alles nichts mehr wert gewesen. Nein, früher sei es einfacher gewesen, besser. Heute gebe es so viel Ungerechtigkeit. Sie mag über 80 Jahre alt sein, war in den fünfziger Jahren Erzieherin, hat sich dann um die Familie gekümmert. Sie trauert spürbar den alten Zeiten nach. Und als ich auf die Umtriebe der Stasi komme, wird sie ganz kühl. Wer mit der etwas zu tun bekommen habe, der habe sicherlich auch etwas angestellt. Da wird das Gespräch schwierig, eine Diskussion unmöglich.

Im Turm der Wenzelkirche in Naumburg werde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen drei Frauen. „Nein, die Kinderfeste damals! Oder die Laternenumzüge!“ meint die eine. „Und die Nachbarschaftsfeten. Es wurde nicht darauf geachtet, wer wie viel verzehrte.“ Fügt die andere hinzu. Und die dritte ergänzt: „Ja trotzdem, der Zusammenhalt war viel besser. Man hat einander geholfen. Nicht so mit dem Ellenbogen, nur an sich denken wie heute.“ Dabei ist die Frau kaum älter als 20 Jahre und wird diese „goldenen Zeiten“ kaum bewusst miterlebt haben. Ostalgie pur. Ich höre stumm zu, bin einfach nur sprachlos.

Später treffe ich einen Pilgerfreund, der mir diese Erlebnisse deutet. Hans- Georg ist Pfarrerssohn und durch seine Herkunft anders sozialisiert als viele DDR-Bürger. Heute arbeitet er als Orthopäde, nachdem er wegen seiner Herkunft viele Umwege hat gehen müssen. Die Menschen in der DDR hätten sich damals eingerichtet – im Betrieb, im Sportverein, in der Verwandtschaft. Niemand habe ja damit rechnen können, dass das System einmal zusammenbreche und andere Zeiten kommen. Und auf diesen „Inseln“ sei man in Maßen zufrieden gewesen, man habe sich geholfen und gemeinsam manches Defizit, das das System hinterließ, ausgleichen können. Diese „Kuschelecke“ würden heute viele vermissen. Zumal die Demokratie heute von jedem einzelnen verlange, dass er selbst aktiv werde, und nicht warte, dass von irgendwo ein Kommando komme, was zu tun oder zu lassen sei. Diese Systemumstellung hätten viele auch nach 20 Jahren noch nicht begriffen. Und deshalb sehnten sie sich nach den alten Zeiten.

Als Journalist etwas Neues entdecken – das ist Abenteuer. Auch vor der Haustür.

Die Seite "Abenteuer Journalismus" in den GKP-Informationen 03/2012

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