Abenteuer Pakistan

GKP-Mitglied Eva-Maria Kolmann ist seit 2005 in der internationalen Zentrale des päpstlichen Hilfswerks "Kirche in Not" in Königstein im Taunus für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Im November 2011 bereiste sie drei Wochen lang alle katholischen Diözesen Pakistans. In der Februar-Ausgabe der Mitgliederzeitschrift "GKP-Informationen" berichtet sie darüber in der Rubrik "Abenteuer Journalismus".

Nachts rattern in Karachi die Maschinengewehre. Von meinem Bett aus höre ich Schusssalven. Gezielt werden Menschen abgeknallt. Sieben sollen es gewesen sein in dieser Nacht. Als wir am Vortag um vier Uhr morgens vom Flughafen abgeholt wurden, war mir die Stadt auf den ersten Blick „normal“ vorgekommen. Nur etwas zu eng war es in dem Minivan, in den wir mitsamt unserem Gepäck gepfercht wurden. Dass wir auf diese Weise versteckt und durch ein gefährliches Viertel geschleust wurden, erfahren wir erst hinterher. „In Karachi kann man jeden Augenblick getötet werden“, sagen uns alle, die wir treffen. Und: „Eigentlich herrscht hier Bürgerkrieg.“

Es ist Freitag. Die Stimmung ist nervös in der 18-Millionen-Stadt. Unsere Begleiter schauen immer wieder auf die Uhr. Schaffen wir es, noch vor dem muslimischen Freitagsgebet ans Ziel zu gelangen? Denn nicht selten kommt es nach den Predigten in den Moscheen zu Ausschreitungen.

Plötzlich biegt der Wagen in eine Straße ein, die geradewegs in einen Stadtteil führt, der  als „Krawallviertel“ berüchtigt ist. Gewalt ist an der Tagesordnung. Im Grunde ist es ein Talibannest. Das Straßenbild ändert sich abrupt. Es ist kaum Verkehr auf den Straßen. Alle Frauen sind bis zu den Augen schwarz verschleiert, die Männer wirken aggressiv. Unser Auto fällt auf, ich verhülle spontan mein Gesicht. Man kann die angespannte Stimmung fast mit den Händen greifen. Hinter dem Stadtviertel erhebt sich eine Bergkette. Dort verstecken sichEinheiten von Al-Kaida. Ein beklemmendes Bild.

In dieser feindlichen Umgebung liegt hinter einer hohen gelben Mauer das Vorseminar von Karachi. Lächelnde junge Männer mit strahlenden Augen heißen uns mit einem traditionellen Tanz willkommen. Sie sehen glücklich aus. Aber jeden Tag könnten sie entführt oder getötet werden. Über die Mauer des Seminars wurden bereits Steine geworfen. Das nächste Mal können es Granaten sein.

Der 19jährige Yousaf erzählt uns, wie sehr seine Familie um ihn bangt. „Sie wollten mich nicht gehen lassen und haben gesagt: Wir schicken dich nicht aufs Seminar, damit du stirbst! Wir wollen, dass du Priester wirst, nicht, dass du erschossen wirst! Ich aber habe ihnen geantwortet: Wenn es Gottes Wille ist, dass ich Priester werde, so werde ich Priester werden! Ich bin froh, dass Gott mich so sehr im Glauben gestärkt hat.“ Seine Kommilitonen nicken zustimmend. Sie alle empfinden ähnlich. Vielleicht ist ihnen der Mut ihres Zeugnisses gar nicht voll bewusst.

Pakistan ist nichts für Abenteurer. Es geht um die Existenz. Der schlichte Alltag ist schon Abenteuer genug. Wer hier keinen Glauben hat, besteht ihn nicht. Wir wollten in Pakistan Augenzeugen sein. Wir wollten von dem Glauben und der Kraft der Menschen berichten, denen Tag für Tag der Tod droht. Mehr denn je möchte ich darüber schreiben. Mit Mitgefühl. Auch mit Entsetzen. Auch wenn man als Journalistin trotz allem eine gewisse Distanz wahren muss. Die Gefahr durch die Terrorcamps in der Diözese Multan, die sich irgendwo in der Landschaft verstecken, ist mir unwirklich geblieben, obwohl uns dort eine Polizeieskorte begleitete. Aber die unerschütterliche Hoffnung der Menschen inmitten der allgegenwärtigen Gewalt und Bedrohung war für mich real. Sie ist es bis heute. Der Tod hat gerade in Karachi und Multan nicht das letzte Wort.

Die Seite "Abenteuer Journalismus" in den GKP-Informationen 02/2012.

Zum Archiv der Rubrik "Abenteuer Journalismus", in dem Sie weitere Texte von GKP-Mitgliedern nachlesen können, die über ihr Erlebnisse berichten.

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