Leibspeise

P. Christof Wolf SJ, der geistliche Beirat der GKP, erklärt im Juni-Heft der GKP-Informationen die Bedeutung des Fronleichnamsfestes:

Heute hat jede Firma, jede Institution ein Corporate Design, das der Webseite, dem Instagram-Account, allen Social-Media-Auftritten ihr Gesicht gibt, so dass die Identität der Marke überall unverkennbar präsent ist. In gewisser Weise gab es das immer schon. Frühere Generationen haben zum Beispiel viel Wert auf Wappen oder Denkmäler gelegt. Die Sehnsucht nach Identitätsstiftendem ist ein urmenschliches Verlangen, den eigenen Werten und Beziehungen Ausdruck zu verleihen.

Im Neuen Testament bitten die Jünger Jesus, sie ein spezielles Gebet zu lehren, so wie Johannes seine Jünger beten gelehrt habe. Und Jesus schenkt ihnen das Vaterunser. Das ist denn auch bis heute das gemeinsame Gebet der Christenheit geblieben. Allerdings hinterlässt Jesus seinen Jüngern kein Corporate Design, auch kein Denkmal oder Parteiprogramm. Vielmehr hinterlässt er ihnen ein ganz einfaches Zeichen: Brot und Wein. Nicht als jedem und jeder Einzelnen empfohlene Mahlzeit, sondern als sinnstiftendes Ritual für die (Mahl-)Gemeinschaft. So erkennen denn auch die Emmaus-Jünger Jesus am Brechen des Brotes.
Brot ist einfach und alltäglich, aber für uns unverzichtbar, es gehört zu den Grundnahrungsmitteln. Wein kann je nach Kultur unterschiedlich bewertet werden, aber wenn wir gemeinsam Mahl halten, verleiht diesem der Wein etwas besonders Festliches, Schönes, Freudiges. Und die Feier passt zu Jesu Botschaft und Leben. Unser tägliches Brot ernährt uns. Die Nährstoffe werden vom Blut in jede kleinste Zelle transportiert. So durchdringt die Nahrung unseren ganzen Körper. Das ist auch ein schönes Zeichen für den Glauben. Er soll unser Leben ganz und gar durchdringen. Nicht nur zu bestimmten Zeiten, an Sonn- und Feiertagen. Jesu frohe Botschaft möchte den Menschen ganz durchformen.
Interessanterweise gab es bis Mitte des 13. Jahrhunderts kein kirchliches Fest, das mit „Brot und Wein“ besonders feierlich des letzten Abendmahls gedachte. Die Liturgie am Gründonnerstag war ja eher zurückhaltend der Karwoche angemessen gestaltet. Erst mit Fronleichnam konnte man dem Wunsch nach feierlichem Gedenken gerecht werden. Im Namen zeigt sich auch seine Herkunft aus dem Mittelhochdeutschen: Vrôn bedeutet „Herr“, und lîcham ist das Wort für „Leib“. Seit 1264 feiern wir also das Fest des „Leibes Christi“, die Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie. Und Fronleichnam wird immer am ersten Donnerstag nach der Pfingstoktav begangen. Die besondere Nähe zu Pfingsten ist nicht zufällig, heißt es doch im 14. Kapitel des Johannesevangeliums: „An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. […] Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Joh 14,20,26).
Der bayerische Katholizismus ist für sein reiches Brauchtum bekannt. Ein wichtiges Fest, das traditionell die ganze Stadt München erfasst, ist das Fronleichnamsfest mit großer Prozession und vier Stationen an den vier „Stadttoren“: Schwabinger Tor, Isartor, Sendlinger Tor und Karlstor. Auch wenn wir in diesem Jahr das „Fest des Leibes Christi“ nicht in gewohnter Weise feiern können, tragen wir seine Botschaft im Herzen. Die Zusage Jesu an seine Jünger ist damals wie heute ein echter Trost: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht. (Joh 14,27)
Im Mitfeiern einer schön gestalteten Liturgie und der Eucharistie stiftet der Heilige Geist immer wieder die Gemeinschaft mit Jesus Christus. Indem wir gemeinsam Mahl halten, Brot und Wein teilen und aus dieser Quelle leben, können wir einander Versöhnung und Frieden schenken. Das ist keine fromme Beruhigungstherapie, sondern hat eine existenzielle Dimension und gehört zum Gelingen menschlicher Beziehungen, genauso wie das Brot als Leibspeise.
Und es erinnert an ein Bild: Da steht Jesus barfuß am See Genezareth und schaut sanft lächelnd den Betrachter an. Der See ist gefroren und hat eine Eisdecke. Die Bildunterschrift sagt: Jeder kann auf dem Wasser gehen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. - So wie damals seine Jünger, ermutigt Jesus auch uns: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater. Alles, um was ihr in meinem Namen bitten werdet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird.“ (Joh 14,12f)   

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