Kindheitsmuster

Thomas Brose, Philosophieprofessor und Theologe in Berlin, erlebte als Ostdeutscher die friedliche Revolution und den Mauerfall. Am 3. Oktober 1990 sprach er im Rundfunk das WORT ZUM TAG. Es war eines seiner "Abenteuer im Beruf".

In meiner Kindheit begegnete ich häufig Frau Pälicke auf der Straße. Sie wohnte in unserem Viertel, schlug sich mit einer Wäsche-Annahme durch und fragte Kinder nach ihren Eltern aus. Lautlos konnte sie einen plötzlich beim Pilzesammeln im Wald überraschen. „Na, was gefunden, mein Junge?“ Sie kleidete sich merkwürdig, hatte einen Gehstock und war mit ihrem Spitz bei Wind und Wetter, auch bei Schnee, in komischen Hausschuhen unterwegs.
Etwas unheimlich war meinen Geschwistern und mir selbst zumute, wenn wir Wäschestücke bei ihr abgeben mussten. Unsere Mutter warnte uns ausdrücklich vor dieser „Zuträgerin“. Nachdem mein Bruder wegen „Republikflucht“ eingesperrt worden war, sprach die sonst so Neugierige kein Wort mehr mit uns, setzte aber ihre Runden fort, blieb an Nachbarzäunen stehen, um sich über die Familie B. was erzählen zu lassen.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“, heißt es zu Beginn von Christa Wolfs Klassiker Kindheitsmuster. Gute Biografen haben es immer gewusst: Kinderjahre sind prägend. Bereits in der dritten oder vierten Klasse war mir jedenfalls klar: Berufswünsche wie Journalist oder Sportreporter kommen für Dich niemals in Betracht. Dass ich anders war, nahm ich z.B. auf der Straße, die zum Pfarrhaus führte, wahr. Dort wartete öfter eine Horde schreiender Halbwüchsiger darauf, mich in die Mangel zu nehmen und – wenn es mal ohne Schupsen und Stoßen abging – mindestens zu verspotten: „Warum fährst Du immer zur Kirche? Gott ist eine Einbildung, ein Hirngespinst!“
 Irgendwann hatte ich die Schnauze voll, und es kam soweit, dass ich mir wütend und um mich schlagend den Weg freikämpfte. Das ging nicht ohne Schrammen und blaue Flecken auf beiden Seiten ab – auch auf meiner Seele. Aber danach hörten die Schikanen endlich auf.
Ohne die Erfahrung solcher „Kindheitsmuster“ hätte ich nicht die Kraft gefunden, mich deutlich zu positionieren. Im Sommer 1989 erkannte ich nach einem Urlaub in Rumänien (Ceaușescu!) die schlimme Gefahr: So diktatorisch könnte es auch in der DDR werden. In Budapest brauchte ich danach einen langen Tag, um den Gedanken zu verabschieden: Hinter der ungarisch-österreichische Grenze bist Du frei!
Zu meinen „Abenteuern im Beruf“ gehört, dass ich als Theologe dann am 3. Oktober 1990 die Möglichkeit hatte, das WORT ZUM TAG zu sprechen. Darin habe ich erklärt, was mich damals – als Abschied von Kindheitsmustern – am meisten bewegt hat: „Ich war dabei: bei der Friedlichen Revolution und beim Mauerfall. Zum Glück hat sich unsere in Ost und West gespaltene Welt verändert. Wunden sind geheilt.“ Fast auf den Tag genau nach dreißig Jahren werde ich am 4. Oktober DAS WORT auf rbb 88.8 sprechen. Bei dieser Gelegenheit lasse ich mich gern von Paulus inspirieren. Der Apostel blickt nach vorn und schreibt an die Philipper: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“

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