Im Todestrakt

Harald Biskup, ehemaliger Chefreporter beim Kölner Stadt-Anzeiger, für den er weiterhin unregelmäßig schreibt,berichtet im Juni-Heft der GKP-Informationen über eine abenteuerliche Begegnung mit einem zum Tod Verurteilten:

Lange konnte ich die sechs Ziffern auswendig, wie eine vertraute Telefonnummer. 999 027 – die Häftlingsnummer von John Avalos Alba, inhaftiert in Ellis Unit One, einem Hochsicherheitsgefängnis im endlosen texanischen Weideland, 20 Kilometer von Huntsville entfernt. „Stadt des Todes“ hat man Huntsville genannt, denn nirgendwo sonst in den USA macht der Staat so häufig von dem sich selbst gegebenen Recht auf Töten Gebrauch.
Als ich John Alba kurz vor Ostern 1998 nach mehreren Gesuchen und einer Genehmigung der Justizbehörden von Texas besuchen darf, sitzt er schon seit mehr als sechs Jahren im Todestrakt von Ellis. Er war schuldig befunden worden, seine Frau, mexikanisch-stämmig wie er, in einem Supermarkt erschossen zu haben. Sie soll ihn mit zahlreichen Liebhabern betrogen haben, doch Entlastungszeugen wurden nicht gehört.

Als mir auf den letzten Kilometern vor dem Gefängnis schwer bewaffnete Aufseher zu Pferd entgegenkommen, die einen Arbeitstrupp bewachen, steigt die Anspannung. Doch sie erreicht ihren Höhepunkt erst, als ich nach mehreren Leibesvisitationen im schlauchartigen Besucherraum einen Stuhl vor der Panzerglasscheibe zugewiesen bekomme. Zwei Minuten später wird John Alba von einem stämmigen Wärter in die vorgesehene Kabine geführt. Ich spüre meinen Puls. Die Situation ist noch beklemmender, als ich sie mir ausgemalt hatte. Es wird das schwierigste Interview meines Lebens werden. Interview! Man muss sich regelrecht anschreien, um den gewaltigen Lärmpegel zu übertönen. Wie redet man mit einem Todeskandidaten – und worüber? Über die Haftbedingungen, über seine Familie? Kann ich seine Tat ansprechen? Soll ich Fragen stellen oder hoffen, dass er von sich erzählt?
Wir begrüßen uns, wie es hier üblich ist. Wir drücken unsere Hände gleichzeitig fest an die dicke Scheibe. Die einzige Möglichkeit, so etwas wie Nähe entstehen zu lassen. Streicheln nennen die Männer das.
John, damals 42, macht es mir leicht. Er lächelt schüchtern, bald aber vertrauter, und gibt zu erkennen, dass er sich über den Besuch freut. Er ist Automechaniker ohne Schulabschluss. Mit 15 wurde er zum Familienernährer, als der Vater starb. In dem diffusen Licht erkenne ich zunächst nicht, dass John schluchzt, als er von seinen Söhnen Eric und Robert erzählt, denen er ihre Mutter genommen habe. Kitschig? Einstudiert, um beim Reporter Mitleid zu erregen? Selten haben Tränen bei einem Fremden so echt auf mich gewirkt. Ellis sei die Hölle, sage sein Anwalt. „Vielleicht ist Sterben ja der Himmel“, sagt John beinahe flüsternd. Da weiß ich, dass dieses Zitat die Überschrift zu meiner Reportage werden muss. „Draußen“ gelte die Exekution mit der Giftspritze als humane Angelegenheit. „Aber es ist noch keiner aus dem Hinrichtungsraum zurückgekommen und hat gesagt, es hat überhaupt nicht wehgetan.“ Nie zuvor und niemals danach habe ich Galgenhumor so drastisch erlebt. Beim Abschied mit dem imaginären Händedruck versprechen wir uns, in Briefkontakt zu bleiben. Kürzlich ist mir Johns Weihnachtskarte von 1998 in die Hände gefallen. Danach musste er noch zwölf harte Jahre auf den Henker warten. Am 25. Mai 2010 starb er durch eine tödliche Injektion. Ich hatte lange nichts mehr von ihm gehört, als ich im Internet von seiner Hinrichtung erfuhr. Die US-Behörden listen alles säuberlich auf. Auch Johns „final meal“: Vier Hähnchenteile mit Ketchup und Salat, dazu sechs Dosen Cola, eisgekühlt.

 

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