Was ist der Mensch?

Zum 10. Todestag von P. Albert Keller SJ, dem langjährigen geistlichen Beirat der GKP, erschien in den GKP-Informationen im Juli der folgende Besinnungstext von ihm

Wenn einer behauptete: „Der Mensch ist 18,70 Euro wert!“, so schiene uns das recht unsinnig. Aber diese Preisangabe wird weniger sinnlos, nimmt man den Menschen nur als Summe seiner physikalischen Elemente, also von Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlenstoff und den verschiedenen Spurenelementen. Analysiert man den Menschen nach den chemischen Verbindungen, die ihn aufbauen, so wäre der Preis höher; und sehr ansehnlich würde der Erlös, berechnete man seine organischen Bestandteile, also Nieren, Herz und alles, was sich heute verpflanzen lässt, nach Marktpreisen.
Diese Betrachtung scheint inhuman, doch sie verdeutlicht, dass man die Frage nach dem Menschen unter sehr unterschiedlichen Gesichtspunkten angehen kann. Ich kann ihn als physikalisches Gebilde oder als Organismus betrachten; dann werden meine Aussagen nicht schlechthin falsch, aber völlig unzureichend. Weil unser ganzes Verhalten unseren Mitmenschen gegenüber aber von der rechten Antwort auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ abhängt, genügen solche Auskünfte nicht.

Gewiss kann heute etwa das Resultat der Evolutionstheorie nicht bestritten werden: Der Mensch stammt vom Affen ab. Wenn sich die Kirche dennoch darum zu drücken scheint, diese Auskunft anzunehmen, dann vielleicht deshalb, weil auch diese Antwort ungenügend ist; falsch wird sie dadurch nicht. Freilich, wäre der Mensch nicht mehr als ein höher entwickeltes Tier, verlöre jeder Humanismus, jedes Reden von Menschenrechten die Grundlage. Selbst die Auskunft, der Mensch sei ein Geschöpf Gottes, bleibt unzureichend, denn schließlich ist alles auf dieser Welt von Gott geschaffen.
Weiter führt vielmehr eine andere Aussage des Schöpfungsberichts aus dem Alten Testament. Sie lautet: „Gott schuf den Menschen als Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Auf die Frage, worin die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott zu sehen sei, antwortet man meist, der Mensch sei Person, d. h. der Verantwortung fähig, auf Wahrheit und Freiheit und somit zuletzt auf Gott ausgerichtet. Beherzigenswert scheint aber vor allem auch, dass ich ein Abbild nicht begreifen kann, wenn ich von seinem Urbild nichts weiß. Das hieße, ich kann den Menschen nicht verstehen, wenn ich Gott ausklammere. Und umgekehrt: Wenn ich nach Gott frage, kann ich nicht am Menschen vorbeigehen. Mit Rudolf Bultmann können wir also feststellen: Vom Menschen reden heißt von Gott reden und umgekehrt.
Man kann versuchen, sich die Antwort auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ auch aus der Erfahrung zu holen. Der Blick in die Geschichte oder auch aufs eigene Leben mag dann zuweilen die Auskunft, der Mensch sei Abbild Gottes, sei ihm ähnlich geschaffen, wie eine Gotteslästerung klingen lassen. Zu viel Engstirnigkeit und Dummheit, zu viel herrschende Gier und Egoismus, zu viel Brutalität und Bosheit verdunkeln dieses Bild. Das nötigt zur Feststellung: Der Mensch ist nicht, was er sein soll. Die Frage: „Was ist der Mensch?“ führt also zu der anderen: „Was soll der Mensch sein?“ Die christliche Antwort auf diese Frage ist in dem Grundgebot enthalten: Der Mensch soll ein Liebender sein, er soll Gott lieben aus ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst.
Das lässt aber fragen: Sind wir dazu fähig? Ist Menschsein möglich? Ist es möglich, in einer von Menschen verdorbenen, d. h. eben von Lieblosigkeit und Ichsucht durchherrschten Welt? Die christliche Auskunft besagt, es sei uns nicht aus eigenen Kräften möglich, Mensch zu sein. Einer allerdings hat es uns vorgemacht und uns dadurch Grundlage geschaffen, gemeinsam mit ihm und in seiner Kraft Mensch zu sein: der Mensch Jesus Christus. Er ist die christliche Antwort auf die Frage: „Was ist der Mensch?“ Freilich keine harmlose Antwort. Denn das Neue Testament stellt ihn als den Menschen dort vor, wo er wegen seiner rückhaltlosen Liebe zu Gott und den Menschen ausgestoßen, verspottet, zerschlagen vor uns steht: „Ecce homo!“, „Seht, das ist der Mensch!“
Albert Keller SJ (1932 - 2010)

 

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