Abenteuer im Beruf: Stasi-Anwerbeversuch

Dr. Andreas Püttmann, Politikwissenschaftler und  freier Publizist in Bonn, berichtet in den GKP-Informationen über ein Erlebnis kurz vor dem Fall der Mauer in Berlin:

Im Mai 1989 nahm ich an einem Kongress „40 Jahre Grundgesetz“ in Berlin teil und wollte erstmals für einen Tag nach Ost-Berlin. Am Bahnhof Friedrichstraße musste ich nach Vorzeigen meines Passes auffällig lange im Kontrollhäuschen warten. Vielleicht weil ich Mitglied der IGFM und der JU war und an der Uni für einen Berater Kanzler Kohls arbeitete? Oder weil ich soeben im Streitgespräch des WDR-Mittagsmagazins (wo ich Redaktionsassistent war) die DDR ein Unrechtsregime genannt hatte, das an der Grenze auf Menschen schießen lasse „wie auf Hasen“?
Als ich endlich passieren durfte, sprach mich auf dem Bahnhofsvorplatz ein Mann mittleren Alters an: „Reinhard Wilk. Volontär beim Neuen Deutschland. Ich recherchiere zur Sicht der Bundesbürger auf die Partei ‚Republikaner’, darf ich Sie dazu befragen?“ Ich fand ihn für ein Volontariat zu alt, aber er behauptete umzuschulen.

Da mich Ost-Kontakte interessierten, ließ ich mich von dem „Kollegen“ begleiten. Im Zeughaus wetterte ich gegen die SED-Geschichtsklitterung, er widersprach. An einer Warteschlange im Café wusste er uns vorbeizuschleusen – und lud ein. Im Buch- und Plattenladen nahm ich geschmuggeltes Westgeld aus meinem Schuh und sagte: „Wenn Du Stasi bist, merk ich’s ja nachher an der Grenze“. Nach einigen Stunden schüttelte ich ihn ab. Die Adressen hatten wir ausgetauscht.
Spätabends am DDR-Ausgang wurden alle vor mir durchsucht. Ich nicht. Als Reinhards erste Postkarte kam, fragte ich sicherheitshalber beim Verfassungsschutz an, was ich tun solle. In einem Kölner Café nahe der Redaktion traf ich zweimal einen Mann im Trenchcoat mit Erkennungszeichen „FAZ unterm Arm“, wie im Film . Zwischendurch fand er heraus: „Wilk“ gab es mit der Adresse, aber dort wohne nur ein Alexej. „Reinhard“ sei gewiss von der Stasi. Ich könne nun für den eigenen Dienst arbeiten oder den Kontakt abbrechen, um meine berufliche Zukunft als Politologe nicht zu gefährden. Zum Doppelagenten taugte ich definitiv nicht. Die Karte blieb unbeantwortet.
Nach der Wende recherchierte ich im Telefonbuch Berlin Ost nach Wilks mit der passenden Adresse und rief an. Eine Frau hob ab und gab nach freundlichem Insistieren zu, nur die Briefkastenadresse für einen Offizier der HVA des MfS gewesen zu sein. Ich bat sie den Kontakt herzustellen, doch sie meinte, er melde sich wohl nicht mehr. Schade! Gern hätte ich mit „Reinhard“ unsere Begegnung besprochen – ohne Vorwürfe, nur um zu verstehen.
Im Januar 1990 fuhr ich mit Lothar Roos im PKW bei Schnee und Eis quer durch Deutschland zum ersten „Dresdner Kathedralvortrag“: „Die Grundwerte der Demokratie und die Verantwortung des Christen“. Die Hofkirche war voll. Für den „Rheinischen Merkur“ schrieb ich über katholische Laieninitiativen nach dem Mauerfall. Mit Allensbacher Daten belegte ich: Katholiken demonstrierten in jenem Winter sogar in höherem Prozentsatz als Protestanten. Von der oft nachgesagten Passivität keine Spur. Ich bin dankbar, die DDR noch kurz vor ihrem Ende so kontrastreich erlebt zu haben.

 

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