Vom Mörder zum engagierten Christen

Dieter Gurkasch berichtet beim GKP-Regionaltreffen Rheinland von seinem unglaublichen Leben und seinem Einsatz für Gefangene

Der Wandel vom Hardcore-Gangster, Mörder und Gefängnis-Ausbrecher zu einem engagierten Christen und Yoga-Lehrer ist nicht gerade selbstverständlich. Dass eine solch hundertprozentige Kehrtwende im Leben eines Menschen möglich ist – davon konnten sich GKP-Mitglieder beim Regionaltreffen im September in Bonn überzeugen, bei dem Dieter Gurkasch aus Hamburg zu Gast war.

Er begann das Gespräch mit den folgenden Zeilen aus seinem Buch „Leben reloaded“: „Das erste Mal starb ich am 9. Juli 1977, gegen 23.15 Uhr. Ich lag auf der Emmastraße, mitten im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Wenige Sekunden zuvor hatte sich eine Kugel durch meinen Rücken gebohrt – nur knapp einen Zentimeter am Herzen vorbei, genauso knapp an der Wirbelsäule – und war durch meine Brust wieder herausgeflogen. Noch nie zuvor war ich bis dato angeschossen worden. Fast erstaunlich bei meiner langen Geschichte als Schwerverbrecher.“

Dieter Gurkasch fühlte in diesem Moment nur Erleichterung und wollte sterben, um endlich Ruhe von seinem gehetzten Verbrecherleben zu finden. Doch er starb nicht, sondern wurde reanimiert und lag tagelang im Koma. Insgesamt saß er mehr als 25 Jahre in Haft, einen Großteil davon in Isolationshaft. Er sprach mit keinem Menschen mehr, knurrte nur noch wie ein Hund, nahm Drogen, war tablettensüchtig. In „Santa Fu“, dem berüchtigtsten Knast Deutschlands, hatte man Angst vor ihm. Er strotzte vor Hass und Aggression, bekam absurderweise sogar „Hausverbot“.

Dann fiel ihm rein zufällig ein Yoga-Buch in die Hände, dessen Übungen er zunächst als „Mädchengymnastik“ spöttisch ablehnte. Doch dieses Buch leitete die Wende in seinem Leben ein: Sein unermesslicher Hass schwindet nach und nach, er erlebt eine so genannte Kundalini-Auslösung, die im christlichen Sinne einer Geistauslösung entspricht, erlebt Jahre tiefer Gotteserfahrung. Gurkasch schließt einen „Deal mit Gott“ und stellt sich von da an ganz in den Dienst der Liebe. Der bisherige selbsternannte brutale Krieger wandelt sich zu einem spirituellen Krieger, sein Hass in Liebe und Engagement. Mitgefangene und Justizbeamte trauen ihren Augen nicht, als sie den neuen Gurkasch sehen: dieser lächelt permanent vor sich hin und strahlt Lebenslust aus, wilde Krähen lassen sich von ihm füttern, Mithäftlinge umarmen ihn, seine Zelle wird zu einem spirituellen Ort, an dem Beamte von sich aus ihre Schuhe ausziehen. Die Vater-unser-Bitte „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ gibt Gurkasch die Kraft, seiner Schuld in die Augen zu sehen und sie auszuhalten.

Aufgrund seiner reinigenden spirituellen Erfahrungen wird das Leben für Dieter Gurkasch wieder lebenswert. Bevor er 2011 endgültig entlassen wird, muss er noch weitere elf Jahre hinter Gittern verbringen. Die Gefängnisbibliothek mit ihrem Buchschatz ist in dieser Zeit sein Lieblingsort und wird von ihm mustergültig umgestaltet und ausgebaut. Er liest viel, beschäftigt sich mit den großen Weltreligionen und wird überzeugter Pazifist, der bis heute jegliche Form militärischer Konfliktlösung ablehnt.

Dieter Gurkasch bezeichnet sich selbst als mittlerweile „wieder geerdet“. Sein „Dauerlächeln“ ist verschwunden, aber er besitzt immer noch unerschöpfliche Energie, die er für positive Dinge einsetzt. Er ist Gründungsmitglied des gemeinnützigen Vereins YuMiG („Yoga und Meditation im Gefängnis“; http://dietergurkasch.de), arbeitet als Yoga-Lehrer und ist jährlich Tausende von Kilometern quer durch Deutschland unterwegs, um Yoga als Therapieform in die Haftanstalten zu bringen – auch in gemeinsamen Gruppen für Häftlinge und Angestellte.

„In Deutschland werden – anders als beispielsweise in Skandinavien – 70 bis 80 Prozent aller Straftäter wieder rückfällig, auch zahllose Bedienstete in den Gefängnissen zerbrechen an ihrer Arbeit“, berichtet Gurkasch. Seine Lebensaufgabe sieht er darin, andere an seiner Kraftquelle teilhaben zu lassen, den verbitterten Gefangenen durch Kulturveranstaltungen und therapeutisches Yoga die Herzen zu öffnen und ihren Hass und ihre Angst in Liebe und positive Energie zu verwandeln. Sein Credo lautet: „Liebe ist die Grundlage dieser Welt.“ Daher ist er auch zutiefst davon überzeugt, dass letztendlich jeder Häftling therapier- und resozialisierbar ist. Und über die Kirche sagt Dieter Gurkasch: „Sie hat als Institution größte Einflussmöglichkeiten auf das Leben in unseren Gefängnissen.“

Christiane Limberg

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