Voller Respekt betraten sie das Schiff

GKP Südwest im Gespräch mit Militärdekan Michael Gmelch. Er hat mit der Marine Flüchtlingen im Mittelmeer geholfen – für ihn ist das Aufgabe von Christen

Dass er eines Tages Vorträge über seinen Rettungseinsatz bei der Deutschen Marine halten würde, hat Michael Gmelch vor zwei Jahren noch nicht gedacht. Doch dann kam der Auftrag an den katholischen Militärseelsorger, das Schiff der Bundeswehr im Mittelmeer zu begleiten, um in Seenot geratene Flüchtlinge aus dem Wasser zu fischen.  Darüber erzählte Gmelch im Gespräch mit der GKP, Region Südwest, zusammen mit dem Ökumenischen Presseclub Baden-Württemberg und der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. Anfang Juni 2016 lud die GKP Südwest zum Pressegespräch nach Karlsruhe.

Gmelch möchte heute, nach seinem Einsatz, „all die unterstützen, die sich in unserem Land für Flüchtlinge engagieren.“ Der Dienst im Meer – für Gmelch eine Art Erweckungserlebnis. „So einen Einsatz hat die Bundeswehr zuvor noch nie gehabt. Wir haben insgesamt dreieinhalbtausend Flüchtlinge gerettet“, erzählt er.

Gmelch, geboren in Schwabach in Franken, ist Militärdekan in Flensburg. Für eine Vortragsreise kam er im Juni nach Baden-Württemberg. Für die GKP Region Südwest Anlass, ihn von seinen Erfahrungen an Bord berichten zu lassen.

Wie kam es dazu? Im April 2015 schickte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ein großes Versorgungsschiff ins Mittelmeer. Gmelch, Doktor der Psychologie und der Theologie, war gerade in Südafrika auf einem Bundeswehrschiff unterwegs und hat Offiziersanwärter begleitet, als die Order von der Leyens kam. „Statt wie geplant nach Israel zu fahren, ging es durch den Suezkanal ab ins Mittelmeer“, erinnert sich der 57-Jährige. Auf dem „Einsatzgruppenversorger Berlin“ meldete sich der Theologe für den Dienst am Verpflegungsdeck. „Die allermeisten Soldaten bekamen die Flüchtlinge gar nicht zu sehen, weil sie andere Aufgaben hatten. Ich begrüßte jeden einzelnen Flüchtling an Bord.“ Er gab ihnen Decken, etwas zu essen und zu trinken, jedem ein Armbändchen. Alles musste schließlich seine Ordnung haben. Nicht dass einer zweimal an die Reihe kommt. 500 Menschen können auf dem Schiff versorgt werden. „Man muss schauen, dass man sie versorgt, sie dann bei den Italienern abgibt, dann ist man raus aus der Nummer“, sagt er bewusst salopp. Denn er weiß, was viele Soldaten an Bord dachten.

Die allermeisten der Geretteten hätten leise und voller Respekt das Schiff betreten. Manche hätten die Schuhe ausgezogen, einige hätten mit den Händen den Schiffsboden oder die Wände berührt, vor Glück, den sicheren Ort erreicht zu haben. Gmelch warnt vor zu schnellen Vorurteilen: „Die Kinder sahen sehr glücklich aus. Man sah es ihnen nicht an, was sie durchgemacht haben“, erzählt er. Und doch hätten sie Fürchterliches durchgemacht. Frauen seien vergewaltigt worden, Männer gefoltert, Kinder von ihren Eltern getrennt. „Sie sind traumatisiert, doch wenn sie ihr Ziel, das Schiff der Marine, erreicht haben, schüttet der Körper Endorphine aus, und sie können ihr Glück nicht fassen. Wie beim Ende eines Marathonlaufs, wenn man die Beine nicht mehr spürt und alles von allein läuft, auch wenn man Schmerzen hat.“ Viele Flüchtlinge hätten posttraumatische Störungen und müssten behandelt werden. „Das ist wie bei Bundeswehrsoldaten, die aus Afghanistan zurückkehren“, sagt er im GKPGespräch.

Seine Erfahrungen hat Gmelch aufgeschrieben und Zeitschriften angeboten, die sie veröffentlicht haben. Daraus entstand ein Buch im Echter-Verlag (Refugees welcome, eine Herausforderung für Christen). Um seine Erfahrungen an Deck anzureichern, wollte er aber noch zusätzliche Recherchen auf der Insel Lampedusa betreiben. Warum Lampedusa? Unter anderem weil der Papst seine erste Reise außerhalb von Rom dorthin gemacht hat, erzählt der Katholik. „Der Papst hat sich genau überlegt, wohin er fährt. Die Insel hat seit 30 Jahren Erfahrungen mit Flüchtlingen. Es hat Europa nie interessiert. Und genau da fährt der Papst hin“, schwärmt Gmelch.

Franziskus besuchte diesen unbedeutenden „Splitter Afrikas“ und habe so das Flüchtlingsthema zum Vorzeichen seines Pontifikats gemacht.

Gmelch führte dort viele Gespräche und weiß nun, dass das Thema viel mit seinem Glauben zu tun hat. „Der Glaube, die Bibel, das bleibt nicht optionslos. Jesus hat seine Option getroffen und war an der Seite der Ausgestoßenen“, argumentiert er. Das Fluchtthema gehöre zum Urgestein des Evangeliums. Daher meint Gmelch auch, Christen müssten sich für Flüchtlinge engagieren. Er fordert zudem legale Wege für die Migranten. „Sie werden sich niemals aufhalten lassen. Wie das Wasser finden sie ihre Wege. Denn zuhause wartet auf sie der Tod. Auf See vielleicht die Rettung.“ Wenn sie einem wie Gmelch oder anderen begegnen.

Dieter Klink

 

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