„Vier Monate arbeiten, zwei davon bezahlt“

GKP Südwest bei der DGB-Beratungsstelle „Faire Mobiliät“
Stuttgart – „Faire Mobilität“ – das hört sich nach Umweltschutz und Verkehr
an. Doch bei dem gleichnamigen Projekt geht es um Geld und faire Löhne.

Arbeitnehmer aus Mittel- und Osteuropa werden in Deutschland oft Opfer von
Lohndumping und Betrug. Seitdem 2011 die Beschränkungen auf dem
Arbeitsmarkt der EU für osteuropäische Staaten gefallen sind, werden manche
Arbeitnehmer aus diesen Ländern hierzulande ausgebeutet. Oft auch deshalb,
weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) versucht mit einem bundesweiten
Projekt „Faire Mobilität“ auf das Problem aufmerksam zu machen und
ausländische Arbeitnehmer zu beraten. In Deutschland gibt es sechs solcher
DGB-Beratungsstellen, eine davon in Stuttgart. Die GKP-Region Südwest besuchte zusammen mit dem Ökumenischen Presseclub Baden-Württemberg Ende März diese Beratungsstelle. Zu dem Termin kamen auch Vertreter der Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Freiburg sowie des Katholischen Büros.
„Das Projekt ist erfolgreich. Ich muss dazu sagen: leider erfolgreich“,
berichtet die stellvertretende baden-württembergische DGB-Vorsitzende
Gabriele Frenzer-Wolf. „Es ist erschreckend, wie viel Bedarf es an Beratung
gibt.“
Dominique John, Projektleiter der Aktion „Faire Mobilität“ in Berlin,
ergänzt: „Wir wollen das, was Osteuropäer hier zum Teil erleben, in die
Gewerkschaften hineintragen. Denn wir diskutieren darüber, ob wir uns auch
um Nichtmitglieder kümmern sollen.“
Der Bedarf ist offenbar groß. Katarina Frankovic und Dorota Kempter bieten
ihre Beratung in der Stuttgarter Nikolausstraße 21 in den Räumlichkeiten
der katholischen Betriebsseelsorge an. Mit der Betriebsseelsorge arbeiten die DGB-Fachfrauen eng zusammen. „Wir setzen uns für gute Arbeit ein. Das tun wir zusammen mit anderen 16 Akteuren in einem Arbeitnehmernetzwerk hier in Stuttgart“, sagt Betriebsseelsorger Wolfgang Herrmann.

Was die Beraterinnen bei dem GKP-Termin aus der Praxis berichten, ist drastisch. Da ist etwa der Fall eines Autozulieferers auf der Schwäbischen Alb, der seine kroatischen „Werkvertragarbeitskräfte“ ausgebeutet habe. Wer die vorgegebene Stückzahl in der Produktion nicht schaffe, erhalte keinen Lohn. Wer krank sei, müsse Überstunden anrechnen
lassen. Außerdem wurden sie von der Werkvertragsfirma auch noch ausgebeutet, als es um die Wohnung ging. Die Kroaten wurden zu dritt in einem kleinen Raum untergebracht, 224 Euro wurden ihnen dafür direkt vom Lohn abgezogen – völlig überteuert. Beim Lohn fehlten durch Tricksereien auf dem Stundenzettel im Schnitt bis zu 400 Euro im Monat, zudem wurde der
Lohn nur mit Verzögerung ausbezahlt.
Frankovic konfrontierte den Arbeitgeber mit den Vorwürfen. Zusätzlich
berichtete der SWR über den Vorfall, seitdem wird die Firma von mehreren
Seiten unter Druck gesetzt, mit ihren kroatischen Arbeitskräften anständig
umzugehen.
Der Autozulieferer ist leider kein Einzelfall. Die beiden Beraterinnen
berichten gegenüber der GKP von weiteren krassen Beispielen. „Manche Gastarbeiter rechnen
schon damit, dass sie vier Monate in Deutschland arbeiten und davon aber
nur zwei bezahlt bekommen“, erzählt Frankovic. Projektleiter John ergänzt:
„In aller Regel wird den Leuten der letzte Monatslohn nicht bezahlt. Sie
fahren dann einfach nach Hause, weil sie nicht wissen, wie sie sich wehren
sollen.“ Manchmal liegt es auch daran, dass Arbeitnehmer mit falschen
Vorstellungen nach Deutschland kommen. So sind es polnische Lkw-Fahrer
gewohnt, neben dem Lohn zusätzlich einen erklecklichen Anteil an Spesen zu
erhalten. In Deutschland sei der Lohn höher, dafür entfallen in der Regel
die Spesen – mit denen sie aber gerechnet hatten. Auch auf dem Bau,
berichtet Kempter, gehe es oft nicht fair zu: Der Mindestlohn werde
umgangen, Überstunden werden nicht bezahlt.
Dem wollen sich die Beraterinnen, die osteuropäische Arbeitnehmer aus ganz
Baden-Württemberg betreuen, entgegenstellen. Sie beraten Betroffene
kostenlos – in deutscher, polnischer, serbischer, kroatischer und
slowenischer Sprache – , nehmen Kontakt zu den Arbeitgebern auf, weisen auf
die Gesetzeslage hin, versuchen, faire Arbeitsbedingungen durchzusetzen.
Das gelingt in einer Reihe von Fällen – dann, wenn etwa Arbeitgeber
zusagen, die Löhne neu zu berechnen und vor allem korrekt auszubezahlen.
Die Projektverantwortlichen wollen schon in den Heimatländern falsche
Vorstellungen abbauen: So informieren Broschüren in bulgarischer und
rumänischer Sprache Menschen, die hier arbeiten wollen, über das, was auf
sie als Kurzzeit-Arbeitskräfte in Deutschland zukommen kann. Und auf was
sie in ihren Verträgen achten sollen.
Im vergangenen Jahr suchten 265 Menschen die Beratungsstelle „Faire
Mobilität“ in Stuttgart auf. In den anderen Stellen in München, Hamburg,
Frankfurt, Berlin und Dortmund sieht die Fallzahlenstatistik ähnlich aus.
Bis Oktober 2015 ist das Projekt mit Mitteln aus dem
Bundesarbeitsministerium, der EU und vom DGB gesichert.
Telefon: (07 11) 12 09 36 36
www.faire-mobilitaet.de
Dieter Klink

Druckversion

AddThis

|||||