Journalistenreise 2008 nach Guatemala

Datum : 
18.03.2008 - 30.03.2008

18. bis 30. März 2008 Guatemala-Reise der GKP

Neun von ca. 520 GKPlern hatten sich unserem Mitglied Maria Christine Zauzich, anvertraut und Warnungen des Auswärtigen Amtes in den Wind geschlagen. Wir erfuhren auf unserer Reise viel Freundlichkeit und Offenheit. Natürlich mit der des Landes und des Spanischen vertrauten Christine als Türöffnerin. Dank ihrer Vermittlung hatten wir interessante Gesprächspartner und gewannen Einblick in eine fremde Kultur voller Volksfrömmigkeit, mit Freude an kräftigen Farben und Klängen und voller Armut, die unser Leben infrage stellt.

Gleich nach der Ankunft in der Semana santa, der Karwoche, steckten wir mitten in den Gründonnerstagsprozessionen durch die Touristenstadt Antigua, die zum Weltkulturerbe zählt und für ihre Spanisch- Sprachschulen bekannt ist. Weniger touristisch und viel authentischer ging es in kleinen Orten in der Provinz Quiché zu, wo wir ursprünglich als Kleingruppen in Familien mit leben wollten. Wegen der Festtage war aber noch die kleinste wellblechgedeckte Hütte voll mit angereisten Familienmitgliedern, so dass wir zu zweit oder zu dritt in Pfarrhäusern der Umgebung von Cobán wohnten und tagsüber die Padres zur Messfeier oder zu Gemeindegliedern begleiteten durften. Wir erlebten am Karsamstag und in der Osternacht inbrünstige, vielstündige Prozessionen, bei denen 20 bis 50 Männer Christus im Glassarg oder den dann siegreich Auferstandenen auf dem Anda tragen, einem schweren Holzgestell. 7 x 20 Minuten sei er Träger gewesen, sagte mir Juan in Chamelco, und die Ehre hat ihm beide Schultern dunkelblau gefärbt. Eine Ehre ist auch die Mitgliedschaft in einer cofradia, die die Umzüge organisiert. In Chamelco gibt es eine solche Bruderschaft erst wieder seit drei Jahren, in enger Verbindung mit der katholischen Pfarrei. Das ist nicht überall so. Aber der Ladinopadre Dennis und der Mayapadre Damian leiten die große Pfarrei mit viel Engagement und großer Achtung vor der Geschichte und den Bräuchen ihrer Gläubigen und fördern ihre Aktivität. Etwa 60 Prozent der Bevölkerung Guatemalas sind indigen, also Mayas aus einer der über 20 Volksgruppen mit jeweils eigener Sprache.

Für uns wurde in vielen Gesprächen deutlich, was für tiefe Spuren der 36-jährige Bürgerkrieg hinterlassen hat, und dass Versöhnung, die sich viele wünschen, ein leeres Wort sein kann, wenn die Täter, die oft Nachbarn sind, sich nicht zu ihren Taten bekennen. „Mit wem sollen wir uns denn versöhnen?“ fragte Rosalina Tuyuc. Sie hat die Witwenorganisation CONAVIGUA gegründet und setzt sich für die Suche nach den verschwundenen Opfern und für deren Exhumierung ein, damit die Angehörigen wenigstens ein Grab als ihren Ort haben und vielleicht eine Entschädigung, die zwar die Toten nicht lebendig macht, aber den Lebenden hilft. Im „wieder entdeckten“ Polizeiarchiv sichten und digitalisieren 170 MitarbeiterInnen mit Mundschutz und finanzieller Hilfe von EU und UN verstaubte und vernachlässigte Aktenberge und suchen nach Tatzusammenhängen, an denen der Staat nicht eigentlich interessiert ist. Weihbischof Juan Gerardi, der als Leiter der Erzbischöflichen Menschenrechtskommission 1998, zwei Jahre nach Friedensschluss, Ross und Reiter nannte, lebte 48 Stunden nach Übergabe des Berichts an den Staat nicht mehr. Aber einen direkten Zusammenhang zwischen der kirchlichen Aufklärungsarbeit und dem Mord will man auch zehn Jahre danach nicht erkennen.

Die Regierung von Präsident Colom nennt sich sozialistisch. Das sei zwar in einem Land, wo noch vor einigen Jahren die Aussprache dieses Wortes ein Grund zur Erschießung war, erstaunlich. Aber sie sei schwach und er habe keine große Hoffnung auf Veränderung, sagte Bischof Msgr. Mario Alberto Molina O.A.R. in Sta. Cruz del Quiché. Die Gesellschaft sei gewalttätig und das Rechtssystem rudimentär. Dagegen entwickelte uns Vizepräsident Dr. Rafael Espada, erst seit Januar im Amt, seine Vision für sein Land im 21. Jahrhundert. „Wir wollen Aufklärung der Vergangenheit und wir wollen Bildung“. Diese könne vielleicht das starke Bevölkerungswachstum stoppen, das das geringe Wirtschaftswachstum auffresse. 70 Prozent der Kinder erreichten jetzt das 6. Schuljahr. Es sollen bald 100 Prozent sein. In der Tat begegneten wir immer wieder kleinen Schulkindern, aber wir erfuhren auch, z. B. am schönen, von Vulkanen eingerahmten Atitlánsee, wie Kinder von den Eltern aus der Schule genommen werden, um mit zu verdienen. Da ist die Stiftung Ija’tz – Samenkorn, von Christine Zauzich in Guatemala City gegründet und von deutschen Katholiken unterstützt, ein Lichtblick. „Ich habe keine Familie, ich bin ein Produkt der Gewalt, mein Vater hat mich nie anerkannt,“ stellt sich ein Stipendiat vor. Er ist Student der Pädagogik. „In meinem Dorf gibt es kaum Leute mit fertiger Berufsausbildung, für die Oberstufe gibt es keinen Lehrer.“ Dorthin, in sein Dorf im leidgeprüften Quiché, will er nach dem Studium zurückgehen.

Jeder von uns trägt unvergessliche Eindrücke und Bilder mit sich, sei es vom farbenfrohen Markt in Chichicastenango und vom Mayakult um den merkwürdigen Maximon. Auch die Gesichter der Schulkinder, die mit ihrem Lehrer am See Geographie lernten, bleiben uns. Für sie ist Deutschland so weit weg, dass sie es sich nicht vorstellen können. Aber vielfach haben wir erlebt, wie das Wort ADVENIAT eine feste Größe ist.

Ursula Wicklein

Druckversion

AddThis

|||||