Lernprozesse eines Kirchenmanns

GKP-Region Südwest besucht Peter Birkhofer, der den Papstbesuch in Freiburg vorbereitet

Freiburg – Nachts um vier Uhr wacht er bisweilen auf. Eine E-Mail ist noch
nicht beantwortet. Da wartet noch jemand auf einen Anruf. Sonst noch was
vergessen? Peter Birkhofer hat derzeit sehr viel um die Ohren. Er bereitet
den Papstbesuch in Freiburg vor. Beworben hat er sich um diese Aufgabe
nicht. Erzbischof Robert Zollitsch hat den Mann aus der Freiburger
Kirchenverwaltung im Dezember mit der Aufgabe betraut. Seitdem kümmert sich
der Domkapitular um Parkplatzmanagement, Hotelkapazitäten,
Sicherheitskonzept. „Ich lerne gerade jeden Tag etwas Neues hinzu“, sagt er
über sein derzeitiges Amt. Elf Kollegen der GKP-Region Südwest und des Ökumenischen Presseclubs Baden-Württemberg besuchten Birkhofer Mitte Juli im Ordinariat in Freiburg.

Jeden Tag etwas Neues. Freilich zu dem Preis, dass Birkhofer mit seinen
sechs Mitarbeitern tagtäglich an die Grenze dessen kommt, was er für
zumutbar hält. Der erste Besuch eines Paptes in Freiburg soll am 24. und 25. September
möglichst problemlos über die Bühne gehen. Dazu gehören hohe
Sicherheitsauflagen. Seit der Loveparade in Duisburg kann ein Großereignis
nicht mehr so geplant werden wie früher. Die Einschränkungen sind enorm.
Etwa wenn das Kirchenoberhaupt am Samstagnachmittag auf den menschenvollen
Münsterplatz treten wird. Zwei enge Gassen, die vom Münsterplatz wegführen,
müssen frei bleiben, damit sie als Fluchtweg genutzt werden können. „Den
Papst kriegen wir schnell vom Gelände weg. Aber die 3 000 auf dem
Münsterplatz müssen ja auch irgendwohin, wenn eine Panik ausbrechen
sollte“, skizziert der Geistliche im Gespräch mit der GKP das Sicherheitsproblem.
Trotzdem: Birkhofer ist froh, dass die Auflagen in Sachen Sicherheit so
streng sind. „Ich möchte nicht vor die TV-Kameras treten und sagen müssen:
Allen Warnungen zum Trotz haben wir die Veranstaltung mit lässigen
Sicherheitsstandards durchgezogen“, betont Birkhofer. In
seinen Gesprächen mit der Polizei hat er auch gelernt, dass es
sicherheitstechnisch gut ist, wenn die Geschäfte an jenem Samstag
offenbleiben. Wenn Benedikt XVI. mit dem Papamobil durch die
Kaiser-Joseph-Straße fahren wird, können die Menschen im Falle einer
Massenpanik in die Geschäfte rein und zum Hinterausgang wieder raus.
Fluchtweg über den Freiburger Einzelhandel.

Über ein Thema der Vorbereitung redet Birkhofer mit uns GKPlern nicht so gerne: über das
liebe Geld. Was genau der Besuch kosten wird, könne er jetzt noch nicht
abschätzen. Allein: Die Ausgaben seien sehr hoch. „Die Nullen vor dem Komma
sind manchmal sehr viele“, sagt er zu Kostenposten. Auch zu solchen, mit
denen er vor der Planung nicht unbedingt rechnen konnte. Zum Beispiel für
die Kampfmittelbeseitigung auf dem Freiburger Flughafengelände. Wo der
Papst am Sonntag den Hauptgottesdienst halten wird, befand sich im Zweiten
Weltkrieg eine Flugabwehr-Station, die von alliierten Bomben zerstört
wurde. Man hat den Kirchenleuten zur Auflage gemacht, das Gelände
untersuchen zu lassen. Die Spezialisten haben nichts gefunden. Das war zwar
teuer. Dafür hat man nun in Freiburg Gewissheit, dass das Gelände
ungefährlich ist.

Birkhofer räumt gegenüber den GKP-Mitgliedern Probleme bei der Organisation ein. Das Anmeldeverfahren verläuft schleppend. Nicht ohne Grund fahren Werbemobile in Baden herum, um
auf den Besuch des Kirchenoberhaupts aufmerksam zu machen. Der
Anmeldeschluss wurde inzwischen komplett fallengelassen. Wer sich bis Mitte
September für den Gebetsabend am Samstag oder den Gottesdienst am Sonntag
anmeldet, erhält Zugang zu dem Gelände. Auch noch am Veranstaltungstag
selbst wird es für Kurzentschlossene Einlasskarten geben. Birkhofer führt
den bisher mauen Zuspruch zu Teilen auf die „badische Gemütlichkeit“
zurück. Man melde sich nicht sechs Monate vor einem Ereignis an, sondern
warte ab. Die Erklärung greift ihm aber zu kurz. Es gibt das Problem der
Pfarrbüros. „Die Idee, dass unsere Pfarrgemeinden die Agenturen für die
Karten sind, funktioniert nicht so, wie wir uns das gedacht haben“, räumt
der Kirchenmann aus Freiburg ein. Die Pfarrbüros sind in der Regel nur noch
selten besetzt. Die Sekretärin ist möglicherweise nur einmal die Woche da,
wie soll sie sich da um die Anmeldekarten für die Freiburger Riesenmessen
kümmern?

Birkhofer ist da mittendrin in der Strukturdiskussion, die den Katholiken
hierzulande zu schaffen macht. Derzeit liefen viele Themen parallel. Als da
wären: Dialogprozess nach dem Missbrauchsskandal, Zusammenlegung der
Gemeinden zu Seelsorgeeinheiten, Katholikentag in Mannheim 2012, und das
„normale gemeindliche Leben, das sowieso läuft“. All das koste viel Kraft.
Und dann noch ein Papstbesuch? „Das Thema Seelsorgeeinheiten ist den Leuten
einfach näher als die Frage, ob sie einen Stuhl auf dem Gottesdienstgelände
mit dem Papst kriegen“, sagt der Planer nüchtern.

Birkhofer hat in den vergangenen Wochen auch lernen müssen, Berichte zu
dementieren. Immer wieder tauchen „teils irritierende Meldungen“ auf, bei
denen es ihm Mühe macht, sie wieder zurechtzubiegen. Der 46-Jährige übt
sich als Dementiermaschine. Nein, es werde auf dem Messegelände kein
unterirdischer Operationssaal gebaut. Nein, es müsse kein Maurer kommen, um
das Priesterseminar, in dem Benedikt schlafen wird, umzubauen. Er bringe
nur einige Utensilien mit, um eine Kapelle einzurichten. Auch ansonsten sei
der Papst bescheiden. Was das Essen angeht: Extrem bescheiden. Nein, die
Busse müssten am Sonntag nicht um sechs Uhr an Ort und Stelle sein. Es
reicht auch noch später.

Birkhofer hat sich um den Job nicht beworben. Er weiß aber schon, warum ihn
Zollitsch im Winter gefragt hat. Schließlich war der Kirchenmann, der
hauptberuflich junge Männer zum Priesteramt motivieren soll, im
Vorbereitungsteam dabei, als es um den Weltjugendtag 2005 in Köln ging.
Damals kam der deutsche Papst kurz nach seiner Wahl erstmals in seine
Heimat.

Im Vatikan hat man zur Jahreswende etwas gelächelt und den Freiburgern Mut
zugesprochen. So einen Papstbesuch, haben die Vatikan-Mitarbeiter Birkhofer
gesagt, „das kriegt Ihr auch hin, das schaffen wir ja in jeder
italienischen Stadt“. So eine Mega-Aufgabe schweiße die zusammen, die mit
dem Ereignis betraut sind. Stadt, Land, Polizei: Birkhofer hat spannende
Gespräche geführt über den jeweiligen Blickwinkel auf das Großereignis.
Oft werde er gefragt, ob er sich auf den 26. September freue. Auf den Tag,
an dem alles vorbei ist. Auf das Leben nach dem Papstbesuch, nach dem
großen Stress. Mal wieder durchschlafen, mal nicht mehr unentwegt an
unbeantwortete E-Mails denken. „Nein“, sagt Birkhofer. „Ich freue mich auf
den 24. September. Dann gibt es nichts mehr vorzubereiten. Dann können wir
feiern: den Besuch, die Begegnung mit dem Papst und den Gästen in
Freiburg.“ An jenem Samstag kann er nichts mehr zum Gelingen oder
Misslingen beitragen. Er wird dann auf gutes Wetter hoffen und darauf, dass
der Besuch nachklingen wird. Wie wäre es, überlegt der Koordinator, wenn
sich Jugendliche für den Palmsonntag 2012 wieder in Freiburg verabreden, um
so ein Gemeinschaftserlebnis noch einmal zu erleben? Das ist dann aber
nicht mehr seine Aufgabe. Die E-Mails dazu müssen andere schreiben.

Dieter Klink

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