Der weite Weg zum Treffer

GKP Region Südwest zu Besuch im BASF-Agrarzentrum Limburgerhof

Am 18. Mai wurde es in Limburgerhof wieder mal voll. Die BASF lud zum alljährlichen Bauernmarkt: Es gab Pfälzer Spezialitäten zu essen, viel frisches Obst und Gemüse aus der Metropolregion Rhein-Neckar. An Fachständen informierte der Chemiekonzern über Pflanzenschutz, Bodenqualität, Ernährung und natürlich den BASF-Beitrag dazu. In Limburgerhof im Rhein-Pfalz-Kreis südlich von Ludwigshafen ist das Agrarzentrum der BASF angesiedelt. Hier entwickeln Wissenschaftler Produkte für eine – wie sie es nennen – nachhaltige Landwirtschaft. In breiten Kreisen der Bevölkerung sind die Produkte, mit denen der Konzern viel Geld verdient, umstritten. Doch mit Aktionen wie dem Bauernmarkt stellt sich BASF kritischen Fragen und versucht, der Sparte Pflanzenschutz Akzeptanz zu
verschaffen. Einer Gruppe der GKP der Region Südwest, im Verbund mit dem Ökumenischen Presseclub Baden-Württemberg, zeigten Mitarbeiter des Konzerns am 15. Mai, woran und wie sie forschen.

Agraringenieurin Dr. Karina Uhlenbecker umreißt bei einem Rundgang über das Areal die Problemlage: Wenn wie geschätzt bis zum Jahr 2050 etwa neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern, stehe die Landwirtschaft vor riesigen Herausforderungen: Sie müsse ihre Produktivität steigern. Europa sei inzwischen ein Netto-Importeur an Lebensmitteln geworden. Der Beitrag der BASF aus Uhlenbeckers Sicht: „Unsere Pflanzenschutzmittel steigern nicht die Erträge, aber sie erhalten sie. Sonst gäbe es Ernteausfälle bis zu 80 Prozent.“ Während Dürreperioden in Afrika sei das bereits heute immer wieder ein Problem.
Behandelter Mais oder bespritztes Getreide sind widerstandsfähiger und ertragreicher. Die Wissenschaftler in Limburgerhof kämpfen aus ihrer Warte
also gegen den weltweiten Hunger. Auch wenn es an ihrer Vorgehensweise weltweit Kritik hagelt. Das spürte der Konzern zuletzt, als es um
Gentechnik ging. Die Gegnerschaft in Europa war so stark, dass BASF die Forschung an gentechnisch veränderten Lebensmitteln nach North Carolina/USA verlagert hat. In Europa, begründeten die Ludwigshafener vor gut einem Jahr ihren Beschluss, fehle einfach die Akzeptanz der Gentechnik. Von 13 Feldversuchen bei genveränderten Kartoffeln seien vier von Gentechnikgegnern zerstört worden. Ein Risiko, das BASF nicht mehr tragen wollte. Durch die Verlagerung der Zentrale für Pflanzenbiotechnik in die USA gingen in Limburgerhof etwa 40 Arbeitsplätze verloren.
Vor diesem Hintergrund bewegt sich BASF im Agrarzentrum bewusst vorsichtig. Man möchte beweisen, wie austariert, sorgfältig und bestimmungsgemäß die Testverfahren ablaufen. Ein enges Regelwerk diktiert den Forschern die Bedingungen ihrer Arbeit: Das Produkt darf Mensch und Umwelt möglichst wenig belasten. Erst nach einem mehrstufigen Testverfahren wird ein Mittel überhaupt von den Behörden zugelassen. „Für eine Zulassung werden etwa 800 Anforderungen gestellt und mehr als 200 Studien eingereicht“, erzählt Uhlenbecker den GKP’lern der Region Südwest. „Bis wir einen Treffer am Markt landen, müssen wir 140 000 Substanzen testen“, rechnet sie vor. Da ist zunächst der „Pre Screen“, eine Art Vorauswahl. Zu testende Substanzen werden nicht gleich auf Pflanzen aufgesprüht, sondern zunächst im Labor an Modellorganismen getestet. Wirkt das Produkt gegen Pilzbefall oder nicht? „Nur etwa zehn Prozent haben überhaupt eine biologische Wirkung, und die kommen dann ins Gewächshaus“, berichtet die Agraringenieurin.

Das Gewächshaus ist der nächste Schritt. An Testpflanzen – Tomaten zum Beispiel – wird nun geprüft, ob ein Mittel gegen Pilz, Schimmel oder Fäule
wirkt. Ein Beispiel: Vor Jahren trat die gefährliche Pilzkrankheit Sojarost an Sojabohnen in den USA und in Brasilien auf, was zu hohen finanziellen
Einbußen führte. BASF hat ein Mittel dagegen entwickelt. Die Forscher testen in den Gewächshäusern von Limburgerhof 10 000 Substanzen pro Jahr. Davon bleiben rund 50 übrig, die Erfolg versprechen und daher unter Freilandbedingungen getestet werden. Im Herbizid-Gewächshaus wird getestet, was gegen Unkraut – oder wie man heute besser sagt: Wildkraut – hilft. Man versucht es an Kamille und an Gras in kleinen Töpfen. Wieder wird getestet und getestet, bis nur noch wenige Mittel übrigbleiben. Uhlenbecker umschreibt den Vorgang so: „Wir tasten uns so langsam an die Substanz heran.“
Nächster Schritt: Die „Lysimeteranlage“. An diesem Testboden wird beobachtet, welche Auswirkungen ein Mittel auf die Böden und das Wasser
hat. „Wenn sich mehr als 0,1 Mikrogramm Schadstoff pro Liter im Sickerwasser befindet, können Sie die Entwicklung des Produkts gleich
einstellen.“
Leider kommt es auch nach Markteinführung immer wieder vor, dass Rückstände ins Grundwasser gelangen. BASF führt das auf „Fehler bei der Anwendung“ zurück – etwa dann, wenn Landwirte die Pflanzenschutzspritzen auf dem Hof statt auf dem Feld reinigen. So können Reste ins Grundwasser gelangen. Um „eventuelle Fehlerquellen im Umgang mit unseren Produkten aufzudecken, führt BASF kontinuierliche Überprüfungen durch. Vorfälle bei der Anwendung unserer Produkte erfassen wir systematisch in einer Datenbank“, erläutert Pressesprecher Gert Lödden.
Der Biologe Peter Dohmen ist im Agrarzentrum für den Bereich Ökotoxikologie (Auswirkung der Stoffe auf die Umwelt) zuständig. Klar, die Mittel schaden Pflanzen, aber, so fragt er: Was ist akzeptabel? Daher wird in seiner Abteilung abermals die Wirkung der Produkte getestet: an Wasserflöhen, Fischen, Regenwürmern. Im Labor werden Szenarien durchgespielt: Man beobachtet, wie Wasserlinsen unter dem Einfluss der Substanzen wachsen. So will man den Stoff finden, der am wenigsten Schaden anrichtet und am meisten hilft.

Dohmen räumt ein, dass man damit in das Ökosystem eingreift. „Wir reduzieren bewusst und gewollt die Biodiversität im Ökosystem“, sagt er.
Man müsse eben die Anforderungen gegenüberstellen: Will man genügend Nahrung bereitstellen oder will man maximale Biodiversität?
„In unseren satten Gesellschaften, sagt er, sei Nahrung nicht mehr das wichtigste Thema. In anderen Kontinenten aber schon. „Jeder will zu jeder
Jahreszeit alles essen, aber spritzen soll man bitte nur in Afrika“, weist Dohmen auf Widersprüche im Verhalten der Menschen hin. Und er wird noch
grundsätzlicher: Die „Risikokommunikation“ sei ein schwieriges Thema, sagt er mit Blick auf Debatten über Gentechnik oder das Bienensterben. Oft sei viel Emotion im Spiel, und die Wissenschaft werde da nur teilweise gehört.
Lauter Teilwahrheiten also? Kampf gegen den Hunger oder unzulässige Gefährdung der Menschheit? Ein komplexes Thema lässt wohl keine eindeutige Antwort zu.
Dieter Klink

Druckversion

AddThis

|||||