„Personen des Wandels“ zu Gast beim Regionaltreffen

Junge Mayas aus Guatemala erzählen, wie das von einer GKP-Journalistin gegründete Stipendienwerk ihr Leben verändert hat.

Auf ihrer vierwöchigen Deutschlandreise machten sie auch einen Informationsbesuch bei der GKP im Rheinland: (auf dem Sofa v.l.n.r. Ana Aracely Carillo Chacaj, Aníbal Gracía Calachij, Erwin Amilton Calel Coló, María José Xiloj Chicoj und Christian Stich aus Guatemala.

Ein interkultureller Begegnungsabend besonderer Art war das Treffen der Region Rheinland, das bei der ehemaligen GKP-Vorsitzenden Dr. Eva-Maria Streier in Bonn stattfand. Vier junge Stipendiaten des Proyecto Ija´tz (Projekt Samenkorn) aus Guatemala und ihr Projektleiter Christian Stich machten hier auf ihrer vierwöchigen Deutschlandreise Station und informierten über die politische und wirtschaftliche Situation ihres Landes und über die Bedeutung des Projekts für die Maya-Bevölkerung.

Das beeindruckende Hilfswerk – sozusagen ein kleines Cusanuswerk – wurde 1994 von unserem 2009 verstorbenen GKP-Mitglied Maria Christine Zauzich gegründet. Es vergibt Stipendien an begabte Guatemalteken mit sozialem und christlichem Engagement, vorzugsweise indigener Abstammung. Ohne finanzielle Hilfe haben diese kaum Zugang zu höherer Bildung.

Für die Projektgründerin war es immer wichtig, nicht nur arme Menschen zu fördern, sondern arme Menschen, die zugleich „Personen des Wandels“ sein wollten. Sie sollten sich neben ihrem Studium sozial engagieren und ihrer Gesellschaft etwas zurückgeben. Als solche Personen des Wandels verstehen sich auch María José, Ana, Erwin und Aníbal, vier der zurzeit 55 Stipendiaten des Hilfswerks. Alle wuchsen in bildungsfernen bis -feindlichen ländlichen Milieus auf und wurden in ihrem Traum nach höherer Bildung weder finanziell noch moralisch von ihren Familien unterstützt.

„Ich hatte keinerlei Vision von meinem Leben“, berichtete die Jura-Studentin María José Xiloj Chicoj. „Wäre ich nicht auf das Projekt aufmerksam gemacht worden, wäre ich jetzt verheiratet, hätte vielleicht schon drei Kinder. Nun ist es mein Ziel, unsere Gesellschaft zu verändern.“ Und Erwin Amilton Calel Coló, Student der Agrarwissenschaft, ergänzt: „Ich bin mit meinen Geschwistern im Waisenhaus aufgewachsen. Normalerweise hätte ich mit spätestens 17 Jahren geheiratet und würde jetzt meine Familie durch Feldarbeit ernähren.“ Ana Aracely Carillo Chacaj hat schon als Kind zum Familienunterhalt beitragen müssen und arbeitete als Weberin, Tortilla-Bäckerin und Hausmädchen. Niemals hätte das mühsam Ersparte gereicht, um mehrere Jahre studieren zu können. Aníbal Gracía Calachij musste ebenfalls durch Feldarbeit das Familieneinkommen aufbessern – jetzt will er Psychologe werden.

Alle Stipendiaten sind in ihrer Umgebung längst zu Vorbildern geworden: Ihre Familien und Gemeinden sind stolz, dass sie die höhere Schule abschließen konnten und nun studieren. Junge Mayas im ganzen Land erkennen, dass es mit viel Energie möglich ist, den Teufelskreis der Armut hinter sich zu lassen und eigene Träume und Ziele zu verwirklichen. Inzwischen sind die ersten Stipendiaten in der staatlichen Verwaltung angekommen und arbeiten beispielsweise im Kultus- oder Finanzministerium. „Alle sagen immer, wir seien die Zukunft des Landes“, sagt Aníbal. „Aber wir sind nicht nur Zukunft, sondern bereits Gegenwart. Wir sind schon jetzt Vorbild für andere.“

In Guatemala gibt es nur wenige Projekte, die bereits so lange existieren wie das Proyecto Ija´tz. Jährlich stehen dem Projekt um die 120.000 Euro private Spendengelder aus Deutschland zur Verfügung. „Unser Anliegen ist nicht nur die finanzielle Förderung“, informiert Christian Stich, der vor beinahe sechs Jahren die Nachfolge der verstorbenen Maria Christine Zauzich antrat. „Wir wollen die jungen Menschen darüber hinaus sehr individuell und intensiv auf ihrem Lebensweg begleiten. Mehrmals im Jahr finden Seminare für alle Stipendiaten statt, in denen es auch darum geht, deren Zweitsprache Spanisch zu verbessern oder Tabus wie Sexualkunde zu thematisieren. Im Projekthaus in Guatemala-Stadt können jeweils vier Studenten vorübergehend eine Bleibe finden.

Noch sieht die Realität im bevölkerungsreichsten Land Mittelamerikas wenig hoffnungsvoll aus: 70 Prozent der Bevölkerung lebt in zum Teil extremer Armut. Stadt und Land sind zwei völlig gegensätzliche Welten. Die Bodenschätze des Landes werden von fremden Konzernen ausgebeutet, lediglich ein bis zwei Prozent des Gewinns kommen der mestizischen Mittel- und Oberschicht zugute. Wer sich kritisch äußert, lebt gefährlich: Erst kürzlich wurden zwei Journalisten aufgrund ihrer Berichterstattung anlässlich einer Bürgermeisterwahl ermordet. Im aktuellen Parlament sitzt nicht ein einziger indigener Abgeordneter, obwohl die 21 Maya-Völker rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. 70 Prozent aller Schulen sind mittlerweile privatisiert und kosten Schulgeld. Die Gewalt im Land nimmt ständig zu und ist Ausdruck der wachsenden Verzweiflung der Bevölkerung.

Stolze „Personen des Wandels“ in einem krisengeschüttelten Land: (v.l.) Erwin, Ana, Aníbal und María José, vier Stipendiaten des Projekts Samenkorn, bei ihrem Besuch in Bonn. Foto: Christiane Limberg

Trotz aller negativen Schlagzeilen: Die jungen Stipendiaten strahlen unbändige Freude, positive Energie und Hoffnung aus. Sie brennen dafür, sich gesellschaftlich einzumischen und zu engagieren und wollen das gesellschaftliche Umdenken beschleunigen. Begeistert waren sie vom „Haus der Geschichte“ in Bonn, das sie kurz vor dem GKP-Regionaltreffen besuchten. Die Studenten waren beeindruckt davon, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau aus Trümmern geschafft hat und wie schnell es gelungen ist, politische Strukturen aufzubauen und den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt einzuleiten. Nun hoffen María José, Ana, Erwin und Aníbal auf einen Wandel in Guatemala. Daran wollen sie tatkräftig mitarbeiten – gemeinsam mit den mehr als 300 bisherigen Stipendiaten des Projekts Samenkorn.  Christiane Limberg

Weitere Informationen über das Projekt unter:

http://www.pijatz.org/

 

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