Optimistisch trotz aller Katastrophen

Rupert Neudeck bei Region RheinlandRupert Neudeck berichtete der Region Rheinland über sein Engagement in den Krisenregionen dieser Welt

Es gab wohl niemanden beim Treffen der Regionalgruppe Rheinland in Köln, dem der Name Dr. Rupert Neudeck nicht seit Jahrzehnten ein fester Begriff war. Umso gespannter waren alle, dem charismatischen Journalisten und Gründer der regierungsunabhängigen Hilfsorganisationen „Cap Anamur – Deutsche Not-Ärzte“ und „Grünhelme“ persönlich zu begegnen. Längst hat er das aktuelle Tagesgeschäft in jüngere Hände gelegt, reist aber dennoch als Ehrenvorsitzender von Troisdorf aus in die aktuellen Krisenherde der Welt, um sich ein Bild von der Lebenssituation der Menschen zu machen und um ihnen seine Solidarität zu bekunden.

Auch innerhalb Deutschlands ist Neudeck weiterhin ein rastlos Reisender, der jede Gelegenheit nutzt, um in Kirche und Politik sein Wissen einzubringen und um leidenschaftlich für die Unterstützung seiner Projekte zu werben. Und das nächste Flugticket war bereits gebucht: Nach Melilla soll es gehen, der spanischen Exklave in Nordafrika, wo sich immer wieder verzweifelte Flüchtlinge über schier unüberwindliche Stacheldrahtzäune den Zugang nach Europa erklettern.

Neudecks öffentliches Engagement begann 1979, als er mit seiner Frau und Freunden – darunter Heinrich Böll – den gemeinnützigen Verein „Cap Anamur“ gründete und somit mehr als 10.000 „Boat People“ aus dem südchinesischen Meer retten und weitere rund 35.000 Menschen an Bord medizinisch versorgen konnte. Seit dieser Zeit lassen ihn die weltweiten Konflikte nicht mehr los: Er engagierte sich unter anderem in Ruanda, in der Zentralafrikanischen Republik, in Nordkorea, in Syrien und im Irak – immer bestens informiert dank persönlicher Kontakte. „Viel wichtiger als Geld war, dass wir immer einige Zeit mit den Menschen gelebt haben“, erzählt Neudeck. Seine beiden Nichtregierungsorganisationen hätten nie Anteil an den finanziellen „Fleischtöpfen“ des Staates gehabt, aber dafür die dringend erforderliche Freiheit, auch illegal tätig sein zu können.

„Uns stehen ganz dramatische Wochen bevor“, prognostizierte Neudeck im Hinblick auf das Flüchtlingsdrama im Nahen Osten. Er plädiert dafür, dass Deutschland ein festes Kontingent von etwa 50.000 Syrern aufnimmt, die nicht mehr die „irrsinnigen bürokratischen Hürden“ einer Asylbewerbung durchlaufen müssen. Neudeck setzt hierbei vor allem auf die Mithilfe aller Bistümer und Bischöfe. „Die Politik muss von uns Christen getreten werden“, wünscht er sich. „Die Syrer passen zudem sehr gut nach Deutschland. Diejenigen, die schon hier sind, sind sehr beliebt. Es gibt in Köln wohl kein Krankenhaus mehr, an dem nicht inzwischen ein syrischer Oberarzt tätig ist.“ Die Europäer, so glaubt Neudeck, hätten in der Syrienkrise einfach geschlafen, sonst hätte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) niemals so groß werden können. In keinem anderen Land der Welt hätten sich die Grünhelme bisher so willkommen gefühlt wie ausgerechnet in Syrien, wo im Übrigen nicht die Christen als Christen verfolgt würden, sondern ausschließlich dann, wenn sie Regimegegner seien. Hilfe aus Deutschland müsse sich an alle Syrer richten, nicht nur an die Christen. Und dann erzählt er bewegt von der Entführung dreier Grünhelme durch die IS im Mai 2013. Nach einigen Monaten konnten sich alle glücklicherweise selbst befreien – zwei von ihnen erreichten die rettende türkische Grenze genau zu dem Zeitpunkt, als die Kollegen in Deutschland in ihrer Verzweiflung eine interreligiöse Gebetsnacht für sie hielten.

Neudeck spricht sich inzwischen öffentlich für sofortige deutsche Waffenlieferungen aus: „Es ist das erste Mal, dass es eine derartige Situation gibt. Jetzt geht es um Schnelligkeit. Mit der UNO dauert das viel zu lange, sie ist leider einfach zu schwach. Gegen die IS kämpfen bisher nur die Freie Syrische Armee (FSA) und die Peschmerga im Norden des Irak, und die brauchen jetzt unsere Unterstützung. Außerdem müssen wir die Freundschaftspolitik mit Saudi-Arabien beenden, denn von dort wird der ganze Terror finanziert.“

Neudeck hofft darauf, dass viele Christen in den nächsten Monaten Wohnraum für Flüchtlinge zur Verfügung stellen. Trotz des Elends in so vielen Teilen der Erde, lässt er sich seinen beispiellosen Optimismus nicht nehmen: „Wir können sehr wohl etwas tun, und es ist enorm, wie groß die Spendenbereitschaft der Deutschen bereits gewesen ist – das war zum Teil unglaublich rührend.“ Und nach seinem unerschütterlichen Mut befragt, meint er lächelnd: „Uns ist ja schließlich gesagt worden: Fürchtet Euch nicht!“

Christiane Limberg

 

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