Zu meinem Ärger: Alexander M. Görlach

Der promovierte Linguist und Theologe Alexander M. Görlach findet die beim Brexit und bei der Trump-Wahl zutage getretene Polarisierung des Diskurses durch die Zurhandnahme von Unwahrheit und Lüge widerlich.

Görlach ist seit 2015 Visiting Scholar an der Harvard University im US-Bundesstaat Massachusetts, wo er im Bereich Politik & Religion forscht. Der promovierte Linguist und Theologe kommentiert in den USA für die New York Times und die World Post. In Deutschland ist er Essayist für Zeit Online, Autor für den FOCUS und Kolumnist der Wirtschaftswoche.  

 

Worüber haben Sie sich zuletzt in den Medien geärgert?
Im Moment ärgere ich mich nicht über Medien, sondern ich versuche, sie immer besser zu verstehen. Die Diskussion um Filterblasen beispielsweise: ich würde sagen, dass wir auch in analogen Zeiten nicht Zeitungen oder Magazine konsumiert haben, die nicht unserer Weltanschauung entsprochen haben. Klar hatte eine konservative Zeitung auch einmal einen Beitrag aus anderer Feder und umgekehrt. Aber das war es dann. Ältere JournalistInnen berichten, dass es in der Bonner Republik genügte, wenn der Regierungssprecher sieben KollegInnen anrief und sie informierte. So entstand, glaube ich, eine Trasse mit Leitplanken, auf der der gesellschaftliche Diskurs stattfand. Das ist heute vorbei: soziale Medien haben Kampagnenkraft für alle gebracht. Und politische Akteure brauchen nicht den Filter und die Prüfung durch die Medien. Das Resultat haben wir in Brexit und Trump-Wahl besichtigt: die Polarisierung des Diskurses durch die Zurhandnahme von Unwahrheit und Lüge. Widerlich! Wir müssen alle Kraft darauf setzen, als Journalistinnen und Journalisten zu verstehen und zu erklären, was gerade passiert.

An welcher journalistischen Leistung konnten sie sich zuletzt erfreuen?
Hier kann ich ehrlich gesagt keine einzelne Leistung nennen, die ich herausheben würde. Journalistische Praxis ist ein hartes, nie endendes Geschäft: Als ich das Debatten-Magazin The European gegründet habe, war es für uns im Team wichtig und entscheidend, jeden Tag zu belegen, dass wir Debatte anzetteln, weiterdrehen und zu einem Ergebnis führen können. Das gilt analog für jedes News-Outlet oder Magazin, Radioprogramm oder jede Fernseh-Show. Durch Konstanz entsteht die Glaubwürdigkeit journalistischer Arbeit. Viele, viele KollegInnen leisten das und liefern täglich saubere und gute Arbeit ab. Journalismus ist ein Handwerk und eine Passion zugleich. Ich habe es nie bereut, diesen Beruf gewählt zu haben - und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Produkte unserer Arbeit verköstige, in Wort und Bild.

Wie reagieren Sie Ihren Ärger ab?
Ich versuche, mich überhaupt nicht aufzuregen. Sehen Sie, ich komme aus Rheinhessen. Dort ist man im Grunde sehr gemütlich, aber scheut eine gut gemeinte Auseinandersetzung und einen Spruch auf Kosten des besten Freundes nicht. Gleichzeitig weiß der Rheinhesse, dass das Glas des Lebens zu kurz ist, um es mit Ärger zu füllen. Lieber mit einem guten Riesling. Darüber hinaus ist ein gutes Rezept, sich dumme Menschen vom Leib zu halten. Sie haben stets das Potential, einem den Tag zu versauen.

          

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