IQ-Herbstforum 2015 über Finanzierungsmodelle im Journalismus

Das Internet stellt zunehmend klassische Geschäftsmodelle für journalistische Inhalte in Frage. Vor dem Hintergrund sinkender Erlöse auf vielen Leser-  und Werbemärkten wurden beim 8. Herbstforum der Initiative Qualität im Journalismus (IQ) im Berliner Funkhaus des Deutschlandradios neue Stiftungs- und Genossenschaftsmodelle erörtert. Außerdem berichteten Experten über Möglichkeiten und Grenzen von Crowdfunding und staatlicher Förderung sowie neue digitale Strategien. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul unterstrich wie wichtig es sei, dass die Mediennutzer künftig auch medienmündig seien, um den „Müll von den Wertstoffen trennen“ zu können. Eine staatliche Subventionierung von Medien halte er für hoch problematisch.

Vorgestellt wurden beim IQ-Herbstforum 2015 am 12. Oktober 2015 sechs alternative Modelle zur Finanzierung von Journalismus:

  • Rückblickend sei die 1979 gegründete alternative „tageszeitung“ in Berlin als „Crowdfunding-Projekt“ gestartet, berichtete Conny Gellenbeck, die Leiterin des Genossenschaftsteams der taz. Der Start gelang durch 7.000 Vorausabos für eine Zeitung, die es bis dahin noch nicht gab. Derzeit würden rund 80 Prozent der Ausgaben für die 250 Festangestellten, 40 Auslandskorrespondenten und 9 Inlandskorrespondenten durch Abos und Kiosk-Verkauf erwirtschaftet und nur zu 11 Prozent durch Anzeigen. Hinzu komme aber die Unterstützung  durch die Genossenschaft mit ihren rund 15.000 Mitgliedern. „Die Genossen tragen dazu bei, die Pressefreiheit zu gestalten.“
  • Auf gleich drei Säulen basiert die Finanzierung von „Correct!v“, dem von der Brost-Stiftung in Essen mitfinanzierten gemeinnützigen Recherchezentrum in Essen und Berlin. Neben der Zuwendung der Stiftung leisteten rund 700 Mitglieder als Community mit einem Mindestbeitrag von 10 Euro pro Monat ihren Beitrag zur Finanzierung, berichtete Dr. Christian Humborg, der kaufmännische Geschäftsführer von Correct!v. Darüberhinaus sei Correct!v auch gewerblich tätig, indem es beispielsweise Bücher veröffentliche. 13 festangestellte Reporter in Essen und Berlin kümmerten sich um lange, harte, schwere Recherchen. Ziel sei es, „multilokalen Content umsonst an die Medien zu liefern“ und mit den Rechercheergebnissen auch Lokalzeitungen zu unterstützen, die solches nicht alleine stemmen könnten. Als Beispiele nannte Humborg die Recherche-Ergebnisse zu den Hintergründen des MH-17-Absturzes über der Ukraine sowie zu den multiresistenten Erregern in deutschen Krankenhäusern, die mehrere Regionalzeitungen veröffentlichten.
  • Über das lokaljournalistische Onlineportal für Nachrichten und Entwicklungen aus dem Stadtteil Prenzlauer Berg berichtete dessen Gründer Philipp Schwörbel: Die „Prenzlauer Berg Nachrichten“ hätten mit 160.000 Einwohnern ein Einzugsgebiet so groß wie Heidelberg. Zunächst sei das Projekt auch werbefinanziert gewesen, seit Juni 2015 werde das Online-Portal aber ausschließlich über Abos finanziert. Noch decken knapp 800 Abonnenten mit einem monatlichen Beitrag von 4,90 Euro die Kosten für zwei Vollzeitstellen in der Redaktion. Ausgewählte Artikel sind nur für Mitglieder zugänglich. Ziel sei es, mit rund 1000 Abonnenten die Prenzlauer Berg Nachrichten auch langfristig abzusichern. Erfolgreich sei auch das Kuratieren mit einem wöchentlich am Freitag verschickten Newsletter, in dem auf Neuigkeiten aus Prenzlauer Berg hingewiesen werde. Hier werde auch auf andere Medien verlinkt. Schwörbel ermutigte dazu, ein solches Modell auch in anderen Stadtteilen und Regionen auszuprobieren. In Regionen, in denen der Wettbewerb der Medien schwächer als in Berlin sei, gelinge dies sicher noch viel besser.
  • Auf der Suche nach neuen Finanzquellen ist auch das in der Medienbranche breit diskutierte crowdfinanzierte Onlinemagazin „Krautreporter“. Chefredakteur und Mitbegründer Alexander von Streit berichtete, dass das unabhängige und werbefreie Onlineportal 2014 zunächst mit 15.000 Crowdfundern gestartet sei. Im zweiten Jahr komme es nun darauf an, weitere Mitglieder zum Mitgliedsbeitrag von 60 Euro im Jahr zu gewinnen. Krautreporter-Beiträge seien ab Mitte Oktober nur noch für Mitglieder zugänglich, könnten von diesen aber weiter geteilt werden. Kritik übte von Streit an den rechtlichen Rahmenbedingungen. Es sei unverständlich, warum Zeitungs- und Zeitschriftenverlage 7 Prozent Mehrwertsteuer zahlen müssten und Onlineportale wie die Krautreporter 19 Prozent. Die Mitglieder finanzierten aber nicht nur das Onlineportal, sondern seien übrigens auch ein gutes Themenreservoir. Aus dem Forum sei beispielsweise die Anregung zu einer Geschichte über eine Studie über syrische Flüchtlinge gekommen, von der Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Talksendung von Anne Will erzählt habe.
  • Über das gemeinnützige Online-Verbrauchermagazin „Finanztip“ informierte Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen. Finanztip habe jeden Monat etwa 2 Millionen Besucher und beschäftige derzeit ein Team mit 30 Mitarbeitern, darunter 23 Festangestellte. Mit den unabhängig recherchierten Ratgebern, dem wöchentlichen Newsletter und der Finanztip-Community helfe Finanztip den Verbrauchern, die richtige Wahl zu treffen, Fehler zu vermeiden und somit viel Geld zu sparen. Ziel sei es, die erste Anlaufstelle für Verbraucher in Finanzfragen zu werden. Auf eine politische Lösung im Hinblick auf die Mehrwertsteuer drängte auch Tenhagen, der in Anerkennung von Onlinemedien als gemeinnützig ebenfalls eine alternative Möglichkeit zur Finanzierung von Medien sieht.
  • Gemeinnützig anerkannt ist bereits der medienkritische Blog „Topf voll Gold“. Gestartet als Bachelor-Projekt im Studiengang Journalismus der TU Dortmund spürt Topf voll Gold mit Hilfe von Spenden den Märchen der deutschen Regenbogenpresse nach. Gründungschefredakteur Moritz Tschermak erzählte, dass sein Blog – als erster Blog im Land – die Gemeinnützigkeit erreicht habe. Allerdings nicht als journalistisch bedeutsamer Watchblog, sondern als Bildungsinstitution. Auf dem großen Markt der Regenbogenpresse versuche Topf voll Gold eine Gegenöffentlichkeit zu etablieren und ein bisschen Gegenwind zu erzeugen. Tschermak bekräftigte, wie wichtig Aufklärungsarbeit in diesem Bereich sei, beispielsweise was Persönlichkeitsverletzung durch diese Medien angehe.

Wenn Zeitungen ständig digital aufrüsteten und parallel dazu die Printausgabe vernachlässigten, sei dies der Tod des Journalismus, gab Chefredakteurin Bascha Mika von der „Frankfurter Rundschau“ zu Bedenken. Um ein Bild zu gebrauchen, die Zeitungen seien derzeit wie die Kühe auf der Weide, die Milch geben, die Online-Ausgaben wie ein Kälbchen, das noch kein Geld bringt. Mika und Florian Kranefuß, der Geschäftsführer der Berliner „Tagesspiegel“-Gruppe, waren sich einig, dass Zeitungen Print und Online ihre Marke sichern sollten, aber zugleich verschiedene Zielgruppen erreichen sollten. Die Tageszeitung als ePaper-Ausgabe bringe derzeit nicht wirklich viel Geld, sei aber interessant, weil man damit die klassischen Zeitungsleser erreiche, meinte Mika. Gerade für eine Tageszeitung mit einem Drittel überregionaler Leser sei ePaper ebenfalls ein interessanter Vertriebsweg. So könnten auch Leser, die schwer erreichbar seien, jeden Tag pünktlich ihre Zeitung erhalten, wenn man sie an ePaper oder die App gewöhne. Die Erwartungen übertroffen hat laut Kranefuß der Newsletter des Tagesspiegels, der früh morgens den 80.000 Abonnenten ein kurzes, prägnantes Angebot liefere. „Die alte Tante Tagesspiegel ist da die junge Nichte geworden“, lobte auch Mika das Angebot.

Für eine verstärkte Medienberichterstattung in den Medien plädierte Professor Stephan Ruß-Mohl, Leiter des "Europäischen Journalismus-Observatoriums" im schweizerischen Lugano. In deutschsprachigen Medien geschehe dies beispielsweise noch durch den Berliner „Tagesspiegel“, die Online-Ausgabe des „Standard“ in Wien oder durch die „Neue Zürcher Zeitung“. In den USA vermittele die „New York Times“ dagegen den Wert des Journalismus viel öfters, auch durch einen Public editor, der einmal pro Woche Hintergründe aus der Medienbranche beleuchte. Die deutschen Medien seien dagegen total verpennt, so Ruß-Mohl, dabei sei „Medienberichterstattung mindestens so spannend wie Sport, auf jeden Fall mehr als Politik und Wirtschaft“. Ein Kooperationspotential sieht Ruß-Mohl in der Zukunft auch bei den öffentlich-rechtlichen Medien. Beispielsweise spreche doch nichts dagegen, wenn ARD-Berichte über das Ausland oder über die Nobelpreisvergabe, die ohnehin bereits durch die Rundfunkgebühren finanziert worden seien, auch den Zeitungen zur Verfügung gestellt werden würden. (rub)

Mehr dazu: Dokumentation des IQ-Herbstforums 2015: Qualität hat ihren Preis: Journalismus finanzieren

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