In der Mitte fällt die Entscheidung

GKP Südwest bei Wahlforscher Matthias Jung in Mannheim

Matthias Jung hat in seinem Beruf ständig mit Stimmungen zu tun. Der Wahlforscher misst, was die Bürger von der Politik halten, wen sie
wählen wollen, wen sie gut finden. Die Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen fließen in das Politbarometer ein – ein regelmäßig wiederkehrendes Ritual mit der berühmt-berüchtigten Sonntagsfrage: Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre? Am 19. Juli war die GKP Region Südwest zusammen mit dem Ökumenischen Presseclub Baden-Württemberg bei Jung in Mannheim zu Gast.

14 Kollegen nahmen an dem spannenden Termin rund um Wahlen, Parteien und Koalitionstaktik teil. Anschließend ging das Treffen in den gemütlichen Teil in Form eines Stammtisches über – an einem extrem heißen Sommertag.
Jung berichtete den GKPlern von seinem Arbeitsalltag. An Wahltagen fragt die Forschungsgruppe in Wahllokalen nach, was die Prognose und später peu à peu die Hochrechnung ergibt. Der 60-Jährige ist seit mehr als 25 Jahren bei den Demoskopen in Mannheim, die im Auftrag des ZDF alles auswerten, was mit Wahlen zu tun hat. Der Trend im vor einer Woche veröffentlichten Politbarometer war eindeutig: Union bei 40, SPD bei 24, Grüne, Linke, FDP und AfD jeweils bei acht Prozent.
Ist die Bundestagswahl schon entschieden? „Nein“, wehrt Jung im Gespräch mit der GKP
ab. „Die Wahl ist noch lange nicht gelaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass
Martin Schulz Kanzler wird, ist eher gering. Aber wer mit wem koalieren
wird, ist offen.“
Worauf kommt es aus seiner Sicht denn bei der Wahlentscheidung der Bürger
am 24. September an? „Die entscheidende Frage bei der Bundestagswahl ist
die Frage nach Sicherheit“, meint er – und zwar in einem dreifachen Sinn:
ökonomische, soziale und innere Sicherheit. „Wer relativ glaubwürdig
vermitteln kann, ein leidliches Niveau auf den drei Ebenen zu
gewährleisten, der wird gewählt.“
Für Jung wird die Wahl vor allem in der Mitte entschieden. Die politische
Mitte ist für ihn der Ort, an dem sich die allermeisten Deutschen selbst
verorten. „80 Prozent der Bevölkerung sehen sich in der Mitte. Rechts und
links ist nicht viel. Diejenigen, die rechts und links fischen wollen,
finden dort nicht viel vor.“
Dass die SPD nicht den Kurs der Mitte verfolgt, den sie Ende der 90er Jahre
unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder eingeschlagen hat, hält er für einen
Fehler. „Die SPD hat Gerhard Schröder im Regen stehen lassen. Damit hat die
Partei die Chance vertan, ihre Modernisierung abzuschließen“, schätzt Jung
den Weg der SPD ein. „Mit einem Modernisierungskurs hätte sie die Chance
auf 30 Prozent plus.“ Bei der SPD sieht der gebürtige Speyerer ein
„Multilemma“, also ein Dilemma vielfältiger Art: „Die SPD hat einen
Mehrfrontenkrieg. Egal ob Grüne, Linke, CDU/CSU: Egal, auf wen die SPD
zugeht, sie reißt umso mehr andere Flanken auf.“
Immerhin, so glaubt er, kann die SPD Wähler auch wieder zurückholen. Es sei
nicht so, dass diese für immer wegblieben. Jungs Trost für die SPD: „Die
fehlende Mobilisierung ihrer enttäuschten Anhänger war für die SPD
eigentlich nur ,halb so schlimm’. Sie sind auf halber Distanz
stehengeblieben. Sie wählten die SPD nicht mehr, aber sie gingen nicht zur
Wahl und wählten damit auch keine andere Partei.“
Bei Schulz sieht er aber ein weiteres Dilemma: Er müsse den Anspruch,
Kanzler zu werden, machtpolitisch „unterfüttern“. Mit wem will er ins
Kanzleramt? Mit den Linken? Mit der FDP? Mit einer Ampel? „Da herrscht
Ratlosigkeit, das könnte zu seiner Achillesferse werden.“
Woran liegt es aus seiner Sicht, dass die Entscheidung in der Mitte fällt?
„Die Gesellschaft ist mittiger geworden“, befindet er. Und die Parteien
hätten sich programmatisch in den vergangenen Jahren einander angenähert.
Die großen ideologischen Auseinandersetzungen gibt es nicht mehr.
Parteien würden heute viel näher aneinander wahrgenommen. „Die Wähler
können leichter von einer zur anderen Partei switchen.“
Und sie entscheiden sich immer später, manchmal erst in der Wahlkabine.
Koalitionsüberzeugungen spielen eine wichtige Rolle. Da ist Jung schnell
bei der FDP und deren „katastrophaler Fehleinschätzung“: Bei der
Bundestagswahl 2009 holte die Partei erstaunliche 14,6 Prozent – vier Jahre
später flog sie aus Regierung und Parlament. Jungs Fehleranalyse: „Nach
ihrem fulminanten Wahlsieg glaubte die FDP, das seien alles FDP-Wähler pur,
die streng marktwirtschaftliche Positionen unterstützen. Das war aber nicht
so. Ein Großteil dieser Wähler hat sich erst in den letzten drei Tagen vor
der Wahl für die FDP entschieden. Das war Koalitionstaktik. Sie fanden
Union und FDP gut, das war keine proaktive Wahl für die FDP. Die FDP hat
das aber so interpretiert und trat entsprechend kraftmeierisch auf.“
Und was ist mit der Union? Bedient sie die Interessen der Mitte, die aus
Jungs Sicht das Gros der Wähler ausmacht? Das Dilemma von CDU/CSU: „Die
Union hat mit Abstand die höchste Zahl an älteren Wählern. Sie verliert pro
Legislaturperiode eine Million Wähler durch Tod. Sie muss diese immer durch
Jüngere kompensieren und sich daher ständig modernisieren.“
CDU und CSU haben einen Burgfrieden geschlossen. Damit bedienen sie nach
Aussage Jungs die Interessen ihrer Wähler. „Bürgerliche Wähler wollen keine
Zerstrittenheit, sie wollen ihre Ruhe haben.“ Wie es zu dem Frieden kam?
„Die CSU hatte Angst, dass mit Merkel die Bundestagswahl nicht mehr zu
gewinnen ist. Seit den Landtagswahlen dieses Jahr ist die Angst bei der CSU
verschwunden. Der jetzige Friedensschluss zwischen CDU und CSU dient den
Interessen beider.“
Die Union im Umfragehoch – ist nicht doch schon alles gelaufen? Kommt
wieder eine große Koalition? Langeweile scheint laut Jung etwas zu sein,
was die Leute nicht schreckt. Im Gegenteil. Er verweist auch da auf die
Mitte, die die Extreme nicht liebe. Journalisten lieben Spannung und
Streit, doch Jung nimmt mit einem einzigen Satz die Luft raus: „Langeweile
und Ruhe sind bürgerliche Grundbedürfnisse.“

Dieter Klink

 

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