Eva Maria Lerch: Leib-Seele-Gespräch

Eva-Maria Lerch (59) ist Redakteurin im Ressort „Leben und Kultur“ der kritisch-christlichen Zeitschrift Publik-Forum. Sie studierte kath. Theologie und Anglistik in Münster, war Volontärin bei der „Münsterschen Zeitung“, später Redakteurin im Pressezentrum des Bundestags und freie Journalistin. Sie ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Wetzlar.

Hier schreibt sie für die GKP-Informationen über ihr Abenteuer im Beruf:

Manchmal passiert ja so was: Man rödelt in der Redaktion so vor sich hin, da fällt eine Randbemerkung - und plötzlich ist eine neue Idee im Raum. So ging es mir im Frühjahr mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer, den ich am Telefon in fünf knappen Fragen zu einer Studie über häusliche Gewalt interviewte. Am Ende fragte ich höflich, ob er ein Belegexemplar wünsche. „Das brauche ich nicht“, antwortete Christian Pfeiffer. „Ich habe Publik-Forum selbst abonniert, denn ich bin engagierter Protestant und steige bisweilen auch auf die Kanzel.“

Ein paar Wochen später saß ich an einem dicken Holztisch in Pfeiffers efeuumrankten Haus in Hannover. Seine Bemerkung hatte mich neugierig gemacht: Ich wollte wissen, wie der renommierte Jurist das Strafrecht mit dem christlichen Glauben verbindet, ob er nach all den Verbrechen, die er erforscht hat, noch an das Gute im Menschen glaubt, und warum er Kriminologe geworden ist. Pfeiffer erzählte aus seiner Kindheit, wie einsam er sich nach dem Krieg als ostdeutsches Flüchtlingskind in Bayern gefühlt habe. Die bayerischen Dorfkinder hatten ihn, den „Saupreußen“, bewusst in eine Jauchegruppe getrieben und ausgelacht. Deshalb konnte er sich später gut mit den Gastarbeiterkindern identifizieren, deren Situation er kriminologisch erforscht hat: „Ich war selbst ein kleiner Türke“, sagte er.
In dreißig Jahren als Journalistin habe ich das immer wieder erlebt: Menschen, die ich sonst niemals kennengelernt hätte, öffnen mir die Tür. Sie setzen mir einen Kaffee vor und erzählen von sich selbst. Hinter der Funktion, die einer ausübt, wird plötzlich ein Mensch sichtbar mit seiner Sehnsucht und Erfahrung. In Publik-Forum gibt es dafür eigens die Rubrik „Leib&Seele-Gespräch“. Und ich bin glücklich, dass ich diese Interview-Reihe seit einigen Jahren verantworten darf.
Schon als Volontärin bin ich gern durch die westfälischen Dörfer gefahren und habe Menschen zu ihrem 90. Geburtstag oder ihrer goldenen Hochzeit im Lokalteil vorgestellt. Wenn ich nur ein bisschen Zeit hatte, um intensiver nachzufragen, tat sich dabei fast immer eine eigene Welt auf. Oft sind es gerade die verletzten und beschädigten Menschen, die Tiefe und Lebenskraft vermitteln. So hat mich beispielsweise eine Frau, die ich mit ihren drei kleinen Kindern für eine Reportage im Frauenhaus besuchte, mit ihrem zuversichtlichen Lachen angesteckt. Ebenso wie der kraftvolle junge Mann, der seit einer Kinderlähmung im Rollstuhl saß: Den habe ich als erfolgreichen Nationalspieler in der Rollstuhlbasketball-Mannschaft portraitiert.
Bei solchen Artikeln bin ich zweimal aufgeregt: zuerst bei der Begegnung selbst und dann noch mal beim Schreiben. Denn da habe ich den Wunsch, die Ausstrahlung der Person, ihre Erfahrung und Gedanken im Text spürbar zu machen und sie zugleich vor reißerischen Plattitüden zu bewahren. Das ist schon eine Herausforderung, immer noch und immer wieder.

 

 

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