Kirche in Kreuzberg – ein „Glück, hier leben zu dürfen“

Zu acht stieg die Berliner GKP-Gruppe in der Kreuzberger Naunynstraße eine Stiege hinauf und erwartete ein vielleicht 90-minütiges Gespräch über das Wirken der Jesuiten in ihrer Wohngemeinschaft. Und dann bekamen sie eine lebendige, nachdenkliche Tour durch knapp 40 Jahre, die Christian Herwartz bot. 40 Jahre von Kirche, von Jesuiten in kirchlichem Auftrag im Arbeitermilieu, unter Menschen am Rande. Einer der beeindruckendsten GKP-Termine der vergangenen Jahre in der Hauptstadt brachte auch noch journalistisches Glück. Acht Tage später stand die Verabschiedung des bald 73-jährigen Jesuiten an. Da nutzte manch einer das Gespräch noch zur Zitatesammlung für ein Portrait. „Wenn man sich für den Glauben entscheidet und für etwas einsetzt, dann organisiert man Freiheit.“

Pater Herwartz berichtete unter anderem vom Beginn der jesuitischen Gemeinschaft im Arbeitermilieu im Arbeiterwohnheim, von linken und rechten Demonstrationen im Kiez, von seiner Nacht des Mauerfalls, von der Fahrt zur Demo gegen Atom-U-Boote in Schottland, von namenlosen Flüchtlingen und Christenverfolgung in Berlin, vom langjährigen Engagement gegen Abschiebehaft, von den „Straßenexerzitien“ (beeindruckend, seit 2000), auch von verstorbenen Wegbegleitern. Aber eigentlich sprach der Jesuit immer von Seelsorge, und immer vom Gedanken „Ordensleute gegen Ausgrenzung“. „Grenzen überwinden, Trennungen und Ausgrenzung…“ Sein „Glück, hier leben zu dürfen“.
In der WG gebe es nur eine Regel: „Frage niemanden, wo er herkommt – es ist eine Polizistenfrage.“ Oft nächtigen viele Gäste in den Räumen der drei kleinen Wohnungen, die zu der WG der Jesuiten in Kreuzberg zählen. „Das Wichtige ist: Sie sind hier zuhause. Wichtiger als: Sie wohnen hier.“ Der erste Bischof, der zu Besuch kam, war übrigens Dom Helder Camara (1909-1999), vor einigen Wochen kam dann Berlins neuer Oberbischof Heiner Koch („nicht unsympathisch“). Dabei brachte Herwartz kein schlechtes Wort über den ein oder anderen in der Kirche: „Ob die anderen mit ihren Palästen Kirche sind, das müssen Sie sie selbst fragen. Damit halte ich mich nicht auf.“
Nach dem Abschied will Christian Herwartz ein halbes Jahr reisen. Und mit ihm war Iris Weiss, die seit längerem zum Team der Naunynstraße gehört, beim GKP-Gespräch und schilderte die Arbeit. Sie geht weiter, im Team, vorerst auch ohne Jesuiten. Aber nach wie vor als interreligiöse und interkulturelle Gemeinschaft.
Ausnahmsweise drei Lesetipps: im Netz https://nacktesohlen.wordpress.com/(Christian Herwartz) und https://naunynblog.wordpress.com/ (interessanter Blog der WG). Und natürlich eine Empfehlung zu aktueller Literatur: Christian Herwartz, „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“, Neukircher Verlagsgruppe 2016. Der ein oder andere mag Glück haben, dass der Jesuit in den nächsten Wochen damit noch in Deutschland zu einer Lesung auftaucht.                  Christoph Strack (Text und Bild)

 

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