Eckpunkte: Wie im Himmel

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über ein musikalisches Pfingsten:

Sommeridyll: Der kleine Daniel steht Geige spielend mitten im Kornfeld, die Ähren scheinen sich im Takt zu wiegen. Plötzlich wird das virtuose Spiel brutal unterbrochen. Drei gleichaltrige Jungen kommen gelaufen und schlagen auf Daniel ein. Kunst ist hier nicht erwünscht. Daniels Mutter zieht mit dem Achtjährigen weg aus dem Dorf; in der Stadt ist für seine musikalische Ausbildung besser gesorgt. Nach dem Unfalltod der Mutter nimmt sich ein Musikagent des Jugendlichen an. Daniel macht bald richtig Karriere. Der Agent kann sein Talent so vermarkten, dass er auf Jahre hinaus ausgebucht ist. Alle großen Konzertsäle feiern den Meisterdirigenten Daniel Daréus. Aber das exzessive Leben hat seinen Preis. Mitten in einem Sinfoniekonzert bricht er auf der Bühne zusammen: Herzinfarkt. Daniel ändert radikal sein Leben. Er kehrt zurück in sein Dorf, richtet sich im einstigen Schulhaus wohnlich ein, und langsam kommen in ihm die Erinnerungen hoch. Gut, dass ihn niemand erkennt – es ist alles gar lange her, und wer sollte sich noch an den kleinen Daniel erinnern?

Pastor Stig begrüßt ihn. Er bekommt eine Bibel geschenkt und das Angebot, er möge doch das vakante Kantorenamt übernehmen. Das tut Daniel dann auch, aber zur Verwunderung der Chormitglieder übt er mit ihnen zunächst gar keine Lieder ein. Vielmehr leitet er sie zu Übungen an, die ihr Körperbewusstsein wecken und verfeinern. Und er lässt jede und jeden ihren bzw. seinen eigenen Grundton finden. Dazu braucht es Mut. Wohl ist es Einzelnen anfangs noch peinlich, doch wachen sie mehr und mehr auf. Eine ganz neue Qualität entsteht. Ein großes Thema im Film „Wie im Himmel“ von Kay Pollak (Schweden 2004) ist Gemeinschaft. Das gemeinsame Üben und Singen verbindet, schafft Vertrauen und Solidarität. Selbst der behinderte Tore darf nun mitmachen. Und man traut sich auf einmal auszusprechen, was man noch nie zu sagen gewagt hat, sei es eine Liebeserklärung oder eine Klage über zugefügtes Leid. So kann Holmfrid endlich kundtun, wie sehr er unter gewissen Hänseleien seit dreißig Jahren leidet. Auch wenn jemand rausrennt und die Tür hinter sich zuknallt – die Gruppe gibt den Einzelnen nicht auf.
Doch seit Daniel im Dorf ist, sind Pastor Stigs Macht und Einfluss geschrumpft. Jetzt ist Daniel das Zentrum, um das sich die Gemeinde regelmäßig versammelt, und nicht mehr der sonntägliche Gottesdienst. Daniel wird deshalb vom Kirchenvorstand mit fadenscheinigen Begründungen als Chorleiter entlassen. Inger, des Pastors Frau, bittet ihren Mann, die Kündigung zurückzuziehen: „Du tust das, weil er Gefühle zeigt, die du schon längst verdrängt hast. Es ist zu schmerzhaft für dich, von diesem Mann unbarmherzig mit deiner Kleinheit konfrontiert zu werden. Du willst ihn nur loswerden wegen dem, was er bei dir ans Licht bringt. Sei doch mal ehrlich zu dir, Stig, zieh es um deinetwillen zurück! (…) Du predigst über Jesus und weswegen man ihn kreuzigte, und jetzt wird Daniel von dir gekreuzigt, verstehst du denn nicht?“ Aber Stig kann nicht aus seiner Haut heraus. In der nächsten Szene klagt er Daniel an: „Ich war jemand hier. Die Leute haben mich geachtet. Durch dich verliere ich alles. Alles! Jetzt kann ich mich nicht mal mehr zeigen!“ Wo immer Macht und Ansehen abhängig sind von Tradition und Strukturen, wird das Kreative zur Bedrohung für das System.
Am Ende nimmt der Chor an einem internationalen Wettbewerb teil. Daniel ist zunächst dagegen, hatte er doch gedacht, diese Welt des schnellen Erfolgs für immer hinter sich gelassen zu haben. Als es dann soweit ist, kommt Daniel zu spät zur Aufführung. Er beeilt sich so sehr, dass er in der Toilette, wo er sich kurz frisch machen wollte, mit einem neuen Herzinfarkt zusammenbricht. Im Saal hoffen derweil all die Wartenden, dass es endlich losgeht. Da rettet der kleine Tore die Situation, indem er seinen Grundton zu singen beginnt. Nach und nach stimmen alle Choristen aus aller Herren Ländern mit ein. Es entsteht eine unglaubliche, weltumspannende Harmonie – ein musikalisches Pfingsten. Beglückt kann es der sterbende Daniel über einen Lautsprecher noch hören.
Wenn wir Pfingsten feiern, spüren wir diese Begeisterung, den Geist des angstfreien Aufbruchs der jungen Kirche. Wer sich wie beim Singen für die Gemeinschaft öffnet, sich berühren lässt, in seinem Grundton mitschwingt, braucht sich nicht durch Machtgehabe in erstarrten Strukturen zu behaupten. Er ist einfach da, und jeder Augenblick ist sein.                    

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