Eckpunkte: Schmetterling und Taucherglocke

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über aufrichtige Liebe, andauernde Treue und einen neu erwachten Lebenswillen:

Aus einem blinzelnden Auge blicken wir in ein Krankenzimmer. Die Ärztin versucht mit Jean-Dominique Bauby zu reden, und er antwortet ihr auch. Aber sie reagiert überhaupt nicht auf seine Antworten. Da beginnt Jean-Dominique langsam zu begreifen: Er kann nicht nur kein Glied seines Körpers bewegen, nein, er hat auch seine Fähigkeit zu sprechen verloren. Er, der Chefredakteur von „Elle“, einer bekannten französischen Zeitschrift, ist nach einem Schlaganfall jeglicher Ausdruckskraft beraubt – fast. Er kann noch mit den Augen blinken. Einmal blinken heißt ja, zweimal blinken heißt nein. Die Kommunikation funktioniert wie ein Computer – es gibt nur noch Null oder Eins. Doch wie mühsam es auch ist, es wird ihm helfen, mit dem Locked-In-Syndrom leben zu lernen. – Die ersten Minuten von „Le scaphandre et le papillon“ wirken fast wie ein Experimentalfilm. Nur bruchstückhaft sehen wir die Bilder und immer aus dem subjektiven Blickwinkel unseres Helden. Diese Bedrückung weicht langsam der Rückkehr in eine „normalere“ Sicht auf das Leben von Jean-Dominique. Dieser bittet zunächst um Sterbehilfe. Aber immer mehr tauchen seine reichen Erinnerungen und Bildwelten in ihm auf, so dass sein Lebenswillen wieder erwacht. Seine Frau, sein Vater, seine Freunde nehmen Kontakt mit ihm auf, ja begleiten ihn. Seine Logopädin Henriette entwickelt sogar eine spezielle Methode, mit deren Hilfe er ihr seine Lebens- und Krankengeschichte diktieren kann. Die Publikation des Buches wird er kurz vor seinem Tod noch erleben.

Nicht alle Frauen in Baubys Umfeld sind jedoch gleichermaßen empathisch. Seine Geliebte weigert sich geradezu, ihn zu besuchen; sie fürchtet, Jean-Dominique habe sich so gravierend verändert, dass ihr Bild von ihm nicht mehr stimme. Das Bild ihres gesunden Geliebten der Vergangenheit ist ihr offenbar wichtiger als die Realität. Ganz anders seine Frau, die ihrem Mann in der schweren Krankheit wieder näher kommt. Überhaupt ist Liebe das große Thema dieses Films. Wie kann ich jemanden lieben, der wie in einer Taucherglocke gefangen ist? Der so schwer krank ist? Wenn sich Paare heute bei der Eheschließung versprechen, einander in guten und schlechten Tagen zu lieben, rechnet wohl keiner mit dem Schlimmsten. Dennoch ist es nahezu unbegreiflich, wenn sich jemand im Ernstfall entscheidet, nur in guten Tagen lieben zu können, und zutiefst berührend, wenn Liebe in schlechten Tagen ganz neu zu erblühen beginnt. Julian Schnabels Werk wurde 2007 am Filmfestival von Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet.

Und meisterhaft hat er nicht nur das schwere Schicksal Jean-Dominiques gestaltet. Der Film erzählt auch von Treue in unseren Beziehungen. Wer sich und anderen treu bleibt, erreicht Tiefe, Intensität, ja Erfüllung. Er wird reich beschenkt. Vielleicht befähigt uns erst diese Erfahrung, noch so widrige Umstände eines geliebten Menschen mitzutragen. Wer jedes Jahr eine neue Beziehung beginnt, wird dagegen nie diese Erfahrung machen können. Treue klingt wohl ein bisschen altmodisch, aber wir kennen das aus anderen Bereichen auch. Da nennen wir es vielleicht eher Beharrlichkeit und Ausdauer. Nur wer diese Eigenschaften hat, erreicht schließlich, was er oder sie sich vorgenommen hat. In Glaubensfragen gilt das natürlich erst recht. Wer immer treu und brav am Sonntag zum Gottesdienst geht, hat ja nicht einfach seiner Sonntagspflicht Genüge getan, vielmehr bleibt er oder sie sich selbst auf dem Glaubensweg treu. Was gemeinsames Feiern der Eucharistie bedeutet, kann man darum auch nicht erklären, man kann es im besten Falle erfahren. Und man kann in den einzelnen Elementen, im Singen, Beten, Hören, Antworten, in der Stille, beim Empfangen der Kommunion eine Tiefe erleben, die einzigartig ist. Nicht umsonst hat das Konzil in „Lumen Gentium“ formuliert: „Die Eucharistie ist ‚Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens‘ (LG 11)“.

Und als gute Christen bekommen wir noch den Matthäus-Effekt dazu: „Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (Mt 13:12). Das heißt, wer sich immer wieder mit dem Glauben beschäftigt, wer sich auch mit allen Zweifeln und Fragen treu bleibt, wer viel investiert, wer viel schenkt, der bekommt auch viel zurück. Diejenigen, die immer nur ein bisschen treu sind, ein bisschen investieren, ein bisschen schenken, denen zerrinnt auch noch das.

Pater Christof Wolf SJ

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