Eckpunkte: Mondschatten

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über die Weiten des Alls und die Suche nach Gott:

Four, three, two, one, zero. Ein riesiger Feuerball wird aus den fünf großen Triebwerken gestoßen. Langsam hebt die Rakete Saturn V auf ihrem Weg zum Mond vom Boden ab. An Bord Frank Borman, James Lovell und William Anders. In Ermangelung einer Mondfähre ist zwar die Apollo-8-Mission im Dezember 1968 nicht auf dem Mond gelandet, doch sendet sie an Heiligabend spektakuläre Bilder zur Erde. Und genau in dem Moment, als die Erde hinter dem Mond aufgeht, zitiert der Astronaut James Lovell über Funk die ersten Verse der Bibel: „In the beginning, when God created the heavens and the earth and the earth was without form or shape, with darkness over the abyss and a mighty wind sweeping over the waters. Then God said: Let there be light, and there was light.“ (Gen 1,1-3). Es ist einer der stärksten Momente in David Singtons Dokumentarfilm „Im Schatten des Mondes“ von 2007.

Die Geschichte des Apollo-Programms beginnt Anfang der sechziger Jahre als Wettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion um die erste Eroberung des Alls mit einem bemannten Flug. Bekanntlich haben die Russen gewonnen: Am 12. April 1961 umrundet Juri Gagarin als erster Mensch die Erde – für die USA eine kaum zu ertragende Schmach. Da zudem der unheilvolle Vietnamkrieg in vollem Gange ist, braucht die Nation unbedingt einen moralischen Sieg. Am 25. Mai desselben Jahres hält John F. Kennedy seine berühmte Rede vor dem Kongress: „Nun ist es an der Zeit, dass unsere Nation eine führende Rolle in der Weltraumfahrt übernimmt. Ich glaube, dass dieses Land alle Kräfte aufbieten sollte, um das Ziel zu erreichen, noch in diesem Jahrzehnt einen Menschen zum Mond fliegen zu lassen und ihn unbeschadet wieder zur Erde zurückzubringen. [...] Aber in Wirklichkeit wird nicht nur ein Mann zum Mond fliegen, sondern unsere ganze Nation.“ Das waren ambitionierte Worte, experimentierte die Nasa doch nicht gerade erfolgreich mit den Träger-Raketen, die oft Fehlstarts hatten oder sogar explodierten. Und vor nunmehr fünfzig Jahren, am 27. Januar 1967, endete die Apollo-1-Mission schon in der Testphase mit einer veritablen Katastrophe: Die drei Astronauten Virgil Grissom, Edward White und Roger Chaffee starben während des Countdowns zu einem simulierten Start. Von 1968 bis 1972 sind neun amerikanische Raumfähren Richtung Mond geflogen, weltberühmt Apollo 11 mit der gelungenen Landung am 20. Juli 1969. Die Astronauten haben als einzige Menschen bis heute einen anderen Himmelskörper besucht.

Was treibt uns überhaupt ins Weltall? Ist es der Wunsch, im unendlichen Universum neue ferne Welten zu entdecken, da auf Erden alles entdeckt zu sein scheint? Zunächst hat uns der Blick von außen auf unseren blauen Planeten eine neue Sicht der Erde geschenkt. „Sie wirkte auf mich so zerbrechlich“, sagte Michael Collins nach der Rückkehr von Apollo 11. Das Erleben dieser Perspektive scheint bei allen Astronauten spirituelle, ja religiöse Gefühle ausgelöst zu haben. Vielleicht suchen Menschen in den unermesslichen Weiten des Alls auch nach mehr Wissen, Erkenntnis oder nach dem Schöpfer, nach Gott? Doch ausgerechnet der erste Mensch im Weltraum funkte nach unten: „Es gibt keinen Gott, hier oben ist niemand!“ Als ob wir auf die Idee kämen, zu glauben, dass Gott wie ein Alien im Weltall herumschwirrt! Aber wo ist er dann? Ist es überhaupt vernünftig, an etwas zu glauben, das man nicht sehen, hören oder schmecken kann? Zudem ist Gott Schöpfer der Erde und des Weltalls, und man kann doch den Urheber einer Sache nicht in der Sache selber suchen. Das ist wie beim Bowling. Der Grund für die Bewegung einer Kugel ist nicht in dieser Kugel zu finden, sondern in dem, der sie anstößt.

Seinem Roman „Hyperion“ hat Friedrich Hölderlin eine „Grabschrift des Loyola“ vorangestellt: Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo divinum est – „Nicht begrenzt werden vom Größten und dennoch einbeschlossen sein vom Geringsten, das ist göttlich.“ Zwar steht der Spruch nicht auf dem Grabstein des Ignatius, sondern stammt aus einer Festschrift über die ersten 100 Jahre des Jesuiten-Ordens, die 1640 von der flandrisch-belgischen Jesuiten-Provinz herausgegeben wurde. Gott ist unendlich viel größer als unsere sichtbare Welt, und dennoch sind seine Spuren selbst im Geringsten enthalten. Auch wenn der Mond im Vergleich zur Erde sehr klein ist – die Erde im Schatten des Mondes ist eine göttliche Perspektive auf die Welt.

Pater Christof Wolf SJ

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