Eckpunkte: König Eisbart - Ein Wintermärchen

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über die erlösende Kraft von Tränen:

In einem kleinen Land, das wir alle kennen könnten, war es eines Winters besonders kalt geworden. Schon im Oktober lag Schnee, und er ging nicht wieder weg, so dass mit der Zeit nicht einmal mehr die Kinder sich freuten über die weiße Pracht. Es geschah auch immer öfter, dass Kinder, die in der Abenddämmerung noch draußen waren, den Heimweg überhaupt nicht mehr fanden: Sie verschwanden ganz einfach, spurlos. Es hieß, König Eisbart habe die Kinder geholt. Denn jedes Mal, wenn wieder ein Kind verschwand, hörte man einen Pferdeschlitten vorbeifahren, den aber niemand je sah und der auch im Schnee keine Spuren hinterließ. So gab es immer weniger Kinder im Land, und die Eltern wurden immer trauriger, denn die Väter, die sich in Gruppen auf die Suche nach ihren Söhnen und Töchtern gemacht hatten, kehrten stets mit leeren Schlitten heim.

Wie es sich im Märchen gehört, holt sich nun ein kleines Mädchen Rat bei einer weisen Frau und macht sich auf, seinen verschollenen Bruder zu finden. Drei Fläschchen hat die Kleine dabei. Ein volles mit den Tränen der Eltern, die ihre Kinder verloren haben, und zwei leere. Eins davon soll unterwegs ihre eigenen Tränen auffangen, denn sie wird sich oft einsam fühlen und nicht weiterwissen. Aber mit ihren gesammelten Tränen kann sie Türen öffnen und Hindernisse überwinden. Mit den Tränen der Eltern wird sie die verzauberten Kinder befreien können, sofern sie König Eisbart abzulenken versteht, so dass er sie nicht hindert. Vor allem aber muss sie den König zum Weinen bringen – erst dann werden Schnee und Eis schmelzen und es kann wieder Frühling werden im Land. Das dritte Fläschchen ist also für König Eisbarts Tränen bestimmt. Das Mädchen findet tatsächlich das verwunschene Schloss mit all den verhexten, zu Eisstatuen erstarrten Kindern. Und es kann das Herz König Eisbarts erweichen. Am Ende kehren alle Kinder frohgemut zu ihren Eltern zurück und die ersten Blumen beginnen zu blühen.

Tränen spielen in manchen Märchen eine erlösende Rolle. So muss etwa bei König Drosselbart die Königstochter erst von ihrer Überheblichkeit geheilt werden, ehe sie seine Frau werden kann: „Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast“, sagte König Drosselbart. Da weinte sie bitterlich und sagte: „Ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht wert deine Frau zu sein.“ Er aber sprach: „Tröste dich, die bösen Tage sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.“ Da wird sich das bitterliche Weinen der Prinzessin bestimmt in Freudentränen verwandelt haben. Tränen fließen ja keineswegs nur aus Trauer oder Verzweiflung, sondern sind auch Ausdruck von Wiedersehensfreude, von Mitgefühl oder Rührung. Erzwingen lässt das Weinen sich allerdings nicht. Es geschieht erst, wenn man loslassen kann. Dann sind Tränen eine Befreiung, eine Art Reinigung, eine große Erleichterung. Der Mensch wird weich, und sein Herz vermag sich sachte wieder zu öffnen, dem Leben in seiner Ganzheit, ja auch dem Glück. Vielleicht geht es uns deshalb so nahe, wenn wir Menschen weinen sehen, weil wir spüren, wie schutzlos und verwundbar sie gerade sind.

Nach biblischem Verständnis gehören Tränen und Klagen zum Leben. Namentlich im Alten Testament lassen selbst Männer wie König David ihren Tränen freien Lauf (2Sam 19:1f). Im Neuen Testament weint Petrus bittere Tränen der Reue, nachdem er Jesus verleugnet hat. (Mt26:74-75) Dass Jesus weinte, wird nur in zwei Evangelien explizit erwähnt: Einmal bei Johannes, als Lazarus gestorben ist (Joh 11:35) und bei Lukas, wo Jesus über die Stadt Jerusalem weint (Lk 19:41). Jesus ist zutiefst erschüttert, über den Tod des Freundes und über das Unheil, das er kommen sieht. Umso trostreicher ist, was Jesus in der Bergpredigt verheißt: „Selig, die ihr jetzt weint, ihr werdet lachen.“ (Lk 6:21), selbst wenn bald darauf ein Wehruf folgt: „Wehe, die ihr jetzt lacht; ihr werdet weinen und klagen.“ (Lk 6:25) Wie heißt es doch bei Kohelet: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: […] eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz“. (Koh 3:1,4). Vielleicht entdecken wir in uns das Kind, das weinen kann und damit ein gefrorenes Herz aufzutauen vermag – dann kommen der Frühling und die Freude gewiss.

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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