Künstliche Intelligenz

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über menschenähnliche Roboter, emotionslose Programme und sensibles Leben:

Das Entwicklerteam von Cybertronics hängt an den Lippen seines Chefs Prof. Hobby: „Das künstlich erschaffene Wesen ist Wirklichkeit. Ein perfektes Abbild unser selbst. Voll beweglich, artikuliert in der Ausdrucksweise und in seiner Reaktion überaus menschlich.“ Hobby sticht eine junge Frau namens Sheila in den Handrücken. Sie schreit auf. „Sogar mit Schmerzempfindungen ausgestattet!“ Und zu Sheila gewandt: „Was war das für ein Gefühl? War es Wut? War es Angst?“ – „Ich verstehe Ihre Frage nicht.“ – „Habe ich deine Gefühle verletzt?“ – „Aber nein, meine Hand“. Doch Sheila hält sich weder vor Schmerz die Hand, deren Wunde auch gar nicht blutet, noch springt sie auf und wehrt sich. Sheila ist ein sogenannter Mecha – ein Roboter, der aussieht wie ein Mensch, handelt wie ein Mensch. Die komplexe Psyche eines Menschen scheint sie allerdings noch nicht zu haben. Hobby kommt ins Schwärmen: „Wir bauen einen Roboter, der lieben kann […], einen Roboter mit einer inneren Welt, voller Metaphern, Intuitionen, eigenständigen Überlegungen, voller Träume.“ – „Aber können Sie Menschen dazu bringen, Roboter zu lieben?“ wendet eine Kollegin ein. „Unser Kind wird ein perfektes Kind, das sich niemals verändert. Immer liebevoll, niemals krank, ein Idealbild […] und hat Gott nicht Adam erschaffen, um geliebt zu werden?!“ Zwanzig Monate später ist es dann soweit: David, das perfekte Kind, hat Marktreife erlangt.

Steven Spielberg hat seinen 2001 entstandenen Film „A.I. – Artificial Intelligence“ in einer düsteren Zukunft angesiedelt. Das Klima spielt verrückt. Selbst große Städte wie New York liegen unter Wasser, nur noch die Spitzen der Wolkenkratzer sind zu sehen. Aufgrund der knapp gewordenen Ressourcen muss, wer ein Kind bekommen will, eine Geburten-Lizenz erwerben. Um so tragischer, wenn dann dieses eine Kind im Dauerkoma liegt, wie Martin. Die Ungewissheit, ob er je wieder gesund wird, bringt Martins Eltern schier zur Verzweiflung. In dieser Situation hat der Vater eine Idee: Er kauft David. Die Eltern müssen sich jedoch verpflichten, David dem Hersteller zurückzubringen, sollten sie ihn eines Tages nicht mehr wollen – im Wissen, dass der auf sie programmierte David dann zerstört werden würde.

Tatsächlich wird David ein fast perfekter zweiter Sohn. Die Liebe des Roboters zu erwidern, fällt allerdings nicht leicht. Als dann wider Erwarten der leibliche Sohn Martin gesund wird, bleibt die Tragödie nicht aus. David wird von Martin nicht als Bruder akzeptiert, so dass die Eltern beschließen müssen, sich von David zu trennen. Aber die Mutter hat Mitleid und will David vor der sicheren Zerstörung bewahren. Statt ihn dem Hersteller zurückzugeben, setzt sie den Jungen im Wald aus. Von da an folgt David der fixen Idee, dass er nach Hause zurückkehren und von den Eltern geliebt werden könnte, wenn er wie Pinocchio von der blauen Fee in einen echten Jungen verwandelt würde. Spielbergs Odyssee endet 2000 Jahre später: Da ist kein Mensch mehr auf der Erde – nur noch künstliche Intelligenz.

Auch wenn der Film schon 16 Jahre alt ist, die Angst vor KI scheint wieder einmal groß zu sein. So bringt sich der Unternehmer Elon Musk immer wieder in die Schlagzeilen mit Warnrufen gegen die KI. Betrachtet man die Debatte etwas nüchterner, so ist nicht ganz klar, wovor eigentlich gewarnt wird. In der Kernfrage der KI-Forschung, wie man mit Algorithmen Bewusstsein schaffen könne, ist ja weit und breit kein Durchbruch in Sicht. Der amerikanische Philosoph Hubert L. Dreyfus hat in seinem Buch „Mind over Machine“ und später in „On the Internet“ ein siebenstufiges Lernmodell ausgearbeitet. 1. Stufe: Anfänger, 2. Stufe: Fortgeschrittener, 3. Stufe: Kompetenz, 4. Stufe: Geübtheit, 5. Stufe: Expertise, 6. Stufe: Meisterschaft, 7. Stufe: Praktische Weisheit. Wer Autofahren möchte, studiert zunächst Theorie (1), besteht die theoretische Fahrprüfung und nimmt erste Fahrstunden (2). Durch reale Erfahrungen im Straßenverkehr lernt er die Theorie in der Praxis anzuwenden und wenn nötig zu korrigieren. Nach erfolgreicher Fahrprüfung (3) kann er sich sicher im Straßenverkehr bewegen. Wenn es zu kritischen Situationen wie Aquaplaning kommt, wächst seine Fähigkeit weiter (4), bis er nicht mehr eine Theorie abrufen muss, sondern intuitiv das Richtige tut (5). Er übt verschiedene Fahrstile und Taktiken, so dass er erfolgreich bei einer Autorallye mitfahren kann (6). Egal ob das Lenkrad rechts oder links angebracht ist – er fährt korrekt in jedem Land der Erde, indem er das Richtige zur richtigen Zeit in richtiger Weise tut (7). Entscheidend am Ganzen: Das Lernen in Stufen 4-7 setzt eine emotionale Beteiligung voraus. Und ich komme nur weiter, wenn das Lernziel eine existenzielle Bedeutung für mich und mein Leben hat.

KI sind regelgesteuerte Systeme. Damit kommen sie im Schlussfolgern und Verhalten bis Stufe 4. Da können sie dem Menschen sogar überlegen sein. Aber sie bleiben emotionslose Programme, die nur ihre Algorithmen abarbeiten können. Die spannende Frage wird sein, welchem Ideal wir uns in Zukunft unterordnen wollen: Der regelgesteuerten KI oder dem durch bewusstes inneres Erleben geprägten, intuitiven und liebesfähigen Menschen.

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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