Eckpunkte: Vom Gewissen des Herzens

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Vergebung, Hass, Hoffnung und die Wahrheit :

Quedlinburg 1919: Anna (Paula Beer), eine junge Frau in Trauerkleidung, ist auf dem Weg zum Friedhof. Sie besucht das Grab ihres Verlobten Frantz, der im Krieg gefallen ist. Liebevoll legt sie frische Blumen auf das Grab. Ihr Schmerz über den Verlust des Geliebten ist groß. Jeden Tag besucht sie sein Grab. Eines Tages liegt da bereits ein Strauß Rosen, als sie kommt. Verwundert erkundigt sie sich, wer den hingelegt haben könnte, sieht schließlich einen Fremden trauernd dastehen am Grab. Es ist Adrien (Pierre Niney), ein junger Franzose, mit dem Frantz anscheinend während seiner Studienzeit in Paris befreundet war. Zögernd nimmt Anna ihn mit zu Frantz' Eltern, weiß sie doch, dass diese in jedem Franzosen den potenziellen Mörder ihres Sohnes sehen. Als Adrien jedoch von den gemeinsamen Erlebnissen mit Frantz zu erzählen beginnt, bricht langsam das Eis. „Haben Sie keine Angst, uns glücklich zu machen,“ sagt die Mutter, als Adrien zunächst zögert, die Geige, auf der Frantz einst spielte, virtuos zum Klingen zu bringen. Adrien wird für die Hoffmeisters fast so etwas wie ein wiedergefundener Sohn, und auch für Anna scheint er mehr zu sein als einfach ein guter Freund. Doch die beinah idyllische Zeit endet abrupt, als Adrien nach Paris zurückzukehren beschließt und am Vorabend seiner Abreise in einem Ausbruch von Verzweiflung Anna den wahren Grund seines Hierseins enthüllt. Er war gar nicht der beste Freund von Frantz, sondern ist ihm als Soldat im Schützengraben begegnet und hat ihn erschossen.

Ein Brief an Anna, den der Tote bei sich trug, hat ihm Frantz' Identität und Adresse verraten. Die Schuld am Tod dieses Menschen lastete so schwer auf seinem Gewissen, dass er die Reise nach Quedlinburg unternahm, um Anna und die Eltern um Vergebung zu bitten. Adriens Geständnis ist für Anna ein Schock. Aber sie verspricht ihm, den Hoffmeisters seinen Geständnisbrief zu überbringen. Was Adrien nie erfahren wird: Anna bringt es nicht fertig, Frantz' Eltern die Wahrheit zu sagen. Sie vernichtet den Brief und erfindet einen Grund, warum Adrien so plötzlich nach Paris abgereist ist. Aber das Lügengebäude, das sie zur Täuschung der Eltern aufrecht erhält, belastet ihr Gewissen doch sehr. Eine eindrückliche Schlüsselszene ist Annas Beichte. Der Priester spricht ihr Mut zu: Sie habe einen guten Grund für ihr Verhalten, da sie den Eltern nicht noch mehr Kummer machen wolle. Diese hätten schon genug Leid erfahren. Ihnen nun die Wahrheit zu sagen, wäre alles andere als ein Liebesdienst. Und Adriens Bitte um Vergebung solle Anna unbedingt annehmen, schließlich habe Jesus auch seinen Peinigern vergeben. Als Anna auf Bitten der Hoffmeisters an Adrien schreibt, um ihn wieder einmal nach Quedlinburg einzuladen, kommt der Brief als „unzustellbar“ zurück. Da ermutigen sie Anna dazu, nach Paris zu fahren und Adrien zu suchen. Es wird für Anna keine einfache Zeit, zumal sie als Deutsche im Nachkriegsparis immer wieder Feindseligkeiten begegnet – so wie der Franzose Adrien in Quedlinburg von gewissen Deutschen offene Ablehnung, Hass und Aggression erfahren musste. Doch ihre Nachforschungen haben Erfolg: Sie findet Adrien, der jetzt wieder in seinem Elternhaus auf dem Land wohnt. Voller Hoffnung und Vorfreude fährt sie dem Wiedersehen entgegen. Fast bis zum Schluss hofft man auf ein Happy Ending. Doch Regisseur François Ozon erzählt es anders. Adrien hat eine Verlobte, die Hochzeit wird demnächst stattfinden. Auch wenn es beim Abschied zu einen Filmkuss mit Anna kommt – „Es ist zu spät,“ sagt Anna. Die letzte Szene spielt im Louvre. Anna geht zu Frantz' Lieblingsbild, „Der Selbstmörder“ von Manet. Auf der Bank davor sitzt ein junger Mann, Anna setzt sich dazu, und er fragt: „Gefällt Ihnen das Bild?“ – „Es weckt meine Lust zu leben,“ antwortet Anna.

Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, meint der Volksmund. Und hat damit sicherlich Recht. Wer seine täglichen Pflichten abgehakt hat, schläft vermutlich ruhiger, als wer lauter Unerledigtes in seine Träume mitnimmt und dann wiederum Aufgabenlisten produziert, vor denen die Kräfte täglich neu versagen müssen. Aber eigentlich geht es um viel mehr als um Fleiß und Pflichterfüllung. Nicht umsonst wird in der Bibel das Gewissen im Herzen verortet. Namentlich bei Jeremia heißt es immer wieder, dass Gott den Menschen auf Herz und Nieren prüft, sein Herz läutert, ihm schließlich ein neues reines Herz schenkt. Adrien lässt sein Gewissen nicht in Ruhe, bis er um Vergebung gebeten hat. Und auch Anna folgt ihrem Gewissen und gibt die bittere Wahrheit nicht weiter. Nur aus dem Gewissen des Herzens kommen die Impulse, die uns zu positivem Tun inspirieren.

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

Druckversion

AddThis

|||||