Eckpunkte: Doctor Strange

Am Beispiel des Filmhelden Dr. Strange, einem selbstverliebten Neurochirurgen, zeigt Christof Wolf SJ, der Geistliche Beirat der GKP, wie sich der Mensch wandeln kann und Einsicht, geistige Willenskraft und Menschlichkeit zu Garanten des Überlebens werden.

Ein Krankenhaus in New York City. Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) hat eine schwierige OP vor sich, er muss eine Kugel aus einem schwer zugänglichen Areal des Gehirns entfernen. Nur ganz wenige Spezialisten weltweit sind dazu befähigt. Zur Erleichterung aller gelingt die OP. Dr. Strange ist ein hochbegabter, aber auch extrem egozentrischer Neurochirurg. Er operiert nur noch Fälle, die ihm in der Ärztecommunity höchste Anerkennung und Ruhm bringen. Am Abend zuhause im Greenwich Village – natürlich in einer superteuren Wohnung mit unglaublicher Aussicht auf Lower Manhattan – ruht er nicht etwa aus, sondern macht sich zum Weggehen bereit, um noch außerhalb einen Vortrag zu halten. Mit quietschenden Reifen fährt er in seinem Lamborghini Modell Huracan in die Nacht.

Über die George-Washington-Brücke geht es westlich nach New Jersey. Da erreicht ihn die Anfrage für eine weitere komplizierte OP, und er lässt sich schon mal die Diagnosebilder ins Auto schicken – moderne Technik macht‘s möglich. Aber gleichzeitig diagnostizieren und in regnerischer Nacht auf kurvenreicher Straße sein Auto lenken kann nicht einmal ein Genie. Dr. Strange verliert die Kontrolle, der Wagen überschlägt sich mehrmals und kommt erst unten im Tal am Hudson River zum Stehen. Dank medizinischer Technik überlebt Dr. Strange, aber seine Hände sind so schwer verletzt, dass er nie wieder seinen Beruf wird ausüben können – ausgerechnet er, dem die Arbeit sein Ein und Alles war! Verzweifelt sucht Dr. Strange nach Kollegen, die ihm helfen könnten – ohne Erfolg. Schließlich hört er, dass es im fernen Osten am geheimnisvollen Ort Kamar-Tajin einen Heiler gebe. Tatsächlich findet er in Kathmandu den Meister, der sich zu Dr. Stranges Überraschung als Meisterin entpuppt. Die „Älteste“ (Tilda Swinton) kann zwar nicht seine Hände heilen, aber sie lehrt ihn, dass es mehr gibt als nur die materielle Welt: „Dr. Strange, you think you know how the world works, you think that this material universe is all there is, but what if I told you the reality you know is one of many.“ – „This doesn‘t make any sense.“ – „Not everything does. Not everything has to.“ Sie gibt ihm einen kurzen harten Schlag vor die Brust – und man sieht, wie der Astralleib aus Dr. Strange herausfährt und wie er sich selber ungläubig anschaut. Trockener Kommentar der Ältesten: „Have you never seen your astral body?“ Das ist mehr als „strange“ für Dr. Strange. Und natürlich beginnt jetzt, wie in jedem guten Superheldenfilm, sein Übungsweg, damit er am Ende die Erde vor der dunklen Macht „Dormammu“ bewahren kann.

Unser Held folgt jedoch nicht einfach der klassischen Dramaturgie einer Heldenreise durch Widerstände und Krisen bis zum Erfolg. Spannend ist vielmehr, dass eine tiefe Umwandlung seiner Persönlichkeit stattfindet. Eine Schlüsselszene dafür ist eine Situation, in der Dr. Strange erstmals einen Bösewicht töten soll. Statt seine neu erlernten Fähigkeiten anzuwenden, hadert er mit sich selbst. Hat er doch als Arzt den hippokratischen Eid geschworen, Menschenleben zu retten und nicht zu zerstören. Und das ist ein echter innerer Konflikt für ihn. Strange entwickelt sich tatsächlich von einem selbstverliebten, wissenschaftsgläubigen Agnostiker zu einem Helden, der begreift, dass es mehr gibt als das, was wir sehen und anfassen können, der sodann der dunklen Macht mutig und klug die Stirn bieten kann und dem das Leben der Anderen wichtiger wird als sein eigenes.

Alternative Universen zu erschaffen ist nicht nur eine Denkaufgabe in der Philosophie, sondern vor allem in der Filmwelt beliebt. Nicht umsonst faszinieren die Fantasiewelten von „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“ das Publikum weltweit. Und eines der vielleicht größten und noch nicht vollendeten ist das Marvel Cinematic Universe (MCU). Hier treffen sich Superhelden wie Iron Man, Captain America, Thor, Ant-Man, Spider-Man, Hulk und eben auch Dr. Stephen Strange, um nur einige zu nennen. Wohl mag man dieser Art Action-Kino manchmal nicht zu Unrecht großen Tiefgang eher absprechen, doch wird man oft genug von einer sehr guten Geschichte mit Tiefsinn, Humor und selbstironischem Blick auf das Superhelden-Genre überrascht. Und „Doctor Strange“ schlägt sogar ein neues Kapitel im Marvel Cinematic Universe auf. Es geht nicht mehr nur darum, die Welt gegen physische Angriffe zu schützen, sondern sie vielmehr vor mystischen Gefahren zu bewahren. Nicht mehr supernatürliche körperliche Kräfte, sondern Einsicht, geistige Willenskraft und Menschlichkeit sind der Garant für das Überleben und den Erfolg – vielleicht nicht zuletzt auch beim Publikum.
 

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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