Eckpunkte: Die Schuld der anderen

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Vorurteile, Schuldzuweisungen und die Sehnsucht nach innerem Frieden:

New York, ein kleiner Raum, heiß und stickig. Der Ventilator geht nicht. Das Öffnen des Fensters bringt keine Erleichterung – im Gegenteil: Draußen ist es noch schwüler. Zwölf Männer kommen herein – zwölf Geschworene. Sie müssen über einen Fall entscheiden. Mord oder kein Mord. Todesstrafe oder Freiheit. Und ihr Urteilsspruch muss einstimmig sein. Ein junger Puertoricaner ist angeklagt, seinen Vater erstochen zu haben. Es scheint eigentlich alles klar zu sein. Der Junge ist schuldig. Die erste Abstimmung: Schuldig, schuldig, schuldig, schuldig … nicht schuldig, schuldig, schuldig. Elf zu eins. Ungläubiges Staunen zeigt sich auf den Gesichtern der Mehrheit. Wieso hat Geschworener Nr. 8 (Henry Fonda) für „nicht schuldig“ gestimmt? Auch wenn es drückend heiß ist – es geht doch um Leben und Tod. Sollte man da nicht wenigstens zehn Minuten darüber reden? Im Laufe der zum Teil sehr hitzigen Debatte kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass die Beweislage einem genauen und unvoreingenommenen Prüfen nicht standhält. Der von Sidney Lumet 1957 gedrehte Film ist eine Sozialstudie der damaligen amerikanischen Gesellschaft. Deren Dynamiken scheinen sich indes nicht wirklich verändert zu haben. Die Mehrheit sucht nach der Bestätigung ihrer Vorurteile, nur eine Minderheit denkt nach und stellt in Frage. „12 Angry Men“ heißt in der deutschen Übersetzung „12 Geschworene“. Heute hätte man den Titel vielleicht mit „12 Wutbürger“ übersetzen können.

Wie geht eine Gesellschaft mit Anklage um, mit der Schuld, die Menschen auf sich geladen haben? Was ist angemessen? Die Schuld bei den anderen zu suchen und zu finden war wohl immer schon einfacher. Jesus lehrt die Menschen: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und dabei steckt in deinem Auge ein Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.“ (Mt 7:1-5) Genau diese Dynamik herauszuarbeiten, ist dem Regisseur im Film meisterhaft gelungen. Dem letzten Geschworenen, der noch immer auf schuldig plädiert, geht es gar nicht mehr um den wirklich Angeklagten, sondern um die kaputte Beziehung zu seinem eigenen Sohn. Durch die Diskussion mit den anderen elf Geschworenen ist ihm sein Balken, sein Selbstverschulden der Zerrüttung bewusst geworden. Der Freispruch „nicht schuldig“ ist am Ende auch ein Freispruch des eigenen Sohnes und der Wunsch des Vaters nach Vergebung und Versöhnung.

Auch im Fernsehen ist dieses Thema sehr beliebt. Der „Tatort“ oder Serien wie „Law and Order“ sind Quotenhits. Was fasziniert uns daran? Wir werden Zeuge eines Verbrechens und beobachten die Suche nach dem Täter. Steht am Anfang ein Verstoß gegen das Gesetz, ist am Ende doch die Ordnung wieder hergestellt. Interessant wird es in diesen Formaten, wenn sich der Kommissar oder die Kommissarin selber in Schuld und nicht gesetzeskonforme Machenschaften verstrickt, und geschehe es noch so sehr in der guten Absicht, die Ordnung wieder herzustellen. Wie viel „Illegales“ kann man in Kauf nehmen? Welche Grenze überschreitet man lieber nicht? Wenn man am Ende nicht besser ist als der Täter, welche Legitimation hat man dann noch, den Täter zu überführen?

Vielleicht ist das zugrunde liegende Motiv der Beliebtheit dieser Formate die Sehnsucht nach innerem Frieden. Frieden mit sich selber und Frieden innerhalb der Gesellschaft. Wenn man den Fernseher ausgeschaltet hat, kann man sich zurücklehnen und denken: Gott sei Dank, alles ist wieder in Ordnung. Die Gerechtigkeit ist wieder hergestellt, der Täter hinter Schloss und Riegel. Oder man kann auch für diesen Frieden beten, für die innere Umkehr bei sich selber. Wie es uns von einem chinesischen Christen überliefert ist: Herr, erwecke Deine Kirche / und fange bei mir an. / Herr, baue Deine Gemeinde / und fange bei mir an. / Herr, lass Frieden und Gotteserkenntnis / überall auf Erden kommen / und fange bei mir an. / Herr, bringe Deine Liebe und Wahrheit / zu allen Menschen / und fange bei mir an.

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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