Eckpunkte: Blind

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Angst, Vertrauen und die Weitergabe des Glaubens :

Joshua ist vor kurzem mit seiner Mutter in ein anderes Viertel umgezogen. Der neue Schulweg im New Yorker Stadtteil Bronx ist für den Achtjährigen ein Spießrutenlauf. Auf dem Heimweg schleicht er sich angstvoll an einer Gruppe Halbstarker vorbei und rennt dann schnell los. Doch einer der Kerle stellt ihm heimtückisch ein Bein – Joshua stürzt. Wütend über seine Ohnmacht beklagt er sich bei seiner Mutter. Das Gespräch mündet in einen kleinen Streit. Warum mussten sie bloß umziehen? Überhaupt diese neue Umgebung, alle sind gegen Joshua, lauern ihm auf. KeinFreund, keine Hilfe, weit und breit. Da hat Joshuas Mutter eine Idee. Sie gibt ihrem Sohn eine kleine Jesusfigur. „Das ist dein bester Freund. Er wird immer bei dir sein und dich beschützen“, verspricht sie ihm. Joshua geht getröstet spielen. Als erstes muss sein neuer bester Freund gleich einmal gegen Darth Vader kämpfen. Abends vor dem Zubettgehen putzt Joshua nicht nur sich, sondern auch der Jesusfigur die Zähne. Glücklich liegt er im Bett, auf dem Kopfkissen neben ihm – Jesus. Anderntags beim Frühstück ist für Joshua klar: Auch Jesus hat Hunger und bekommt eine Scheibe Toast. Leicht irritiert schickt die Mutter den Sohn zur Schule. Sie schaut ihm noch lange nach, wie er da geht, die Jesusfigur in der linken Hand. Was die Mutter nicht sieht: In Joshuas Fantasie geht Jesus tatsächlich mit ihm, Hand in Hand.

Auf dem Heimweg von der Schule sind da wieder die Halbstarken, aber jetzt hat Joshua Jesus an der Hand. Und statt sich angstvoll zu ducken, geht er selbstbewusst an ihnen vorbei. Da kommt der Typ, der ihm ein Bein gestellt hat, frontal auf ihn zu – dreht auf einmal um und läuft vor Joshua davon. Voller Bewunderung spricht Joshua zu Jesus: „Das war unglaublich! Du verbiegst seinen Verstand mit deinen subatomaren, telekinetischen Strahlen!“ Was Joshua nicht sehen kann: Die Halbstarken hinter seinem Rücken sind der eigentliche Grund für die plötzliche Flucht des Kerls, mit dem sie offenbar eine Rechnung zu begleichen haben.

Voller Freude und Begeisterung kommt Joshua nach Hause. Es sprudelt nur so aus ihm heraus: „Du hast recht gehabt. J.C. (Jesus Christ) ist mein total cooler Freund. Er geht mit mir zur Schule, erzählt mir coole Sachen. Hält meine Hand und beschützt mich.“ – „Was redest du denn da? Das ist nur eine Statuette.“ – „Wie kannst du das sagen, Mama? Du hast mir doch gesagt, dass er mein bester Freund ist.“ – „Ja, damit du ihn immer in der Hosentasche bei dir hast.“ – „Aber Mama, wie kann er darin atmen?“ Als seine Mutter verständnislos bleibt, eskaliert das Gespräch: „Aber immerhin spricht er mit mir und verbringt Zeit mit mir! Du tust das nie! Er ist eine viel bessere Mama als du!“ Die Mutter verliert die Fassung, nimmt die Jesusfigur und wirft sie zu Boden – dabei bricht ein Arm ab. Schnitt: Joshua allein im Bett. Er wischt sich die Tränen ab, schleicht ins Schlafzimmer der Mutter und holt die Jesusfigur samt dem abgebrochenen Arm aus dem Papierkorb. Dann geht er ins Bad, reinigt die Wunde und verbindet den Arm. Am nächsten Morgen ist Joshua schon eher als seine Mutter aus dem Haus. Vorsichtig holt er seinen Jesus mit dem verbundenen Arm aus der Hosentasche. Nahaufnahme der beiden Hände: Joshuas Kinderhand in der mit Verband umwickelten Hand Jesu. Aus der Perspektive der Mutter hält Joshua nur die winzige Jesusfigur in der Hand. Doch als sie sich umwendet, um zur Arbeit zu gehen, fällt ihr Blick auf die Erde vor dem Haus. Ungläubig sieht sie neben der Fußspur ihres Sohnes auch die Spur großer Füße.

„Blind“ von Nikhil Prakash ist eine wunderschöne poetische Verfilmung der Geschichte „Fußspuren im Sand“. Joshuas Mutter ist „blind“, sie kann nicht sehen, was für Joshua selbstverständliche Realität ist. Als allein erziehende Mutter hat sie es allerdings auch nicht einfach. Die Alltagssorgen sind oft allzu dominant, decken Wesentliches zu. Eine Herausforderung jeder religiösen Erziehung ist die Frage, wie man seinen Glauben weitergeben kann. Aber wie erst erzähle ich von Jesus, wenn er mir selber nur noch als Statue gegenwärtig ist? An Weihnachten feiern wir jedes Jahr die Menschwerdung Gottes. Gott wird Mensch. Nicht als Superheld oder Filmstar auf einem roten Teppich, sondern als kleines schutzloses Kind in bitterer Armut. Und wir feiern Weihnachten nicht als bloße Erinnerung an ein geschichtliches Ereignis vor langer Zeit. Sondern wie es uns Angelus Silesius im „Cherubinischen Wandersmann“ ans Herz legt: „Das liebste Werk, das Gott so inniglich liegt an, ist, dass er seinen Sohn in dir gebären kann.“ In jedem Menschen wird Gott Mensch – wenn es der Mensch zulässt.
 

Pater Christof Wolf SJ

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