Eckpunkte: Beim Leben meiner Schwester

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Leiden, Abschied und das Loslassen:

Kates Mutter steht mit verschränkten Armen in der Tür: Du musst aufstehen. Du hast das Bett seit zwei Wochen nicht verlassen. Kate wehrt ab: Ich bin müde. – Du kannst es schaffen. Der Vater zieht behutsam die Bettdecke zurück: Heute ist ein wunderschöner Tag. Die Sonne wird dir gut tun. Zärtlich streichelt er seiner Tochter den Kopf. Kate: Ich bin zu krank. – Du bist nicht zu krank. Du bist reaktiv-depressiv. Und ich werde dich nicht auch noch mit Antidepressiva füttern. – Jetzt steh auf!, fordert die Mutter energisch. Kate erwidert ihren Blick: Nein! – Drauf der Vater: Hey, Liebling, willst du mir nicht erzählen, was wirklich los ist? – Kate: Ich bin müde, verstehst du das nicht? Ich bin krank und müde. Ich bin hässlich. – Vater: Hör auf damit. – Kate unter Tränen: Wage nicht, mir zu sagen, ich sei hübsch, denn das bin ich nicht! Sag mir nicht dauernd, dass mich niemand anstarren würde, denn das stimmt nicht! Ich bin ein Freak! – Kates Mutter verlässt aufgebracht das Zimmer. Während der Vater seine schluchzende Tochter zu beruhigen versucht, hört man einen Rasierapparat aus dem Badezimmer. Was beide ahnen, wird wenig später Gewissheit: Die Mutter hat sich die Haare abrasiert. Sie sieht jetzt aus wie ihre Tochter – nur ist sie nicht krebskrank. Die gut vierzehnjährige Kate jedoch leidet seit dem zweiten Lebensjahr an Leukämie. Seit damals dreht sich der ganze Familienalltag nur noch um sie. Die Mutter hat ihre Arbeit aufgegeben, um sich ganz Kate widmen zu können. Und weil für eine effiziente medizinische Behandlung kein passendes Spendermaterial zu finden war, haben die Eltern sogar ein weiteres Kind gezeugt, im Reagenzglas: Anna. Sie ist genetisch perfekt programmiert, um Kate am Leben erhalten zu können. Seit ihrer Geburt hat sie für ihre ältere Schwester Blut, Stammzellen und Knochenmark gespendet. Alles hat immer nur vorübergehend geholfen. Von Heilung keine Rede. Nun versagen auch noch Kates Nieren total – und Anna soll eine ihrer Nieren hergeben. Aber die jetzt Elfjährige wehrt sich. Sie möchte doch auch leben und fröhlich sein, nicht bloß als „Ersatzteillager“ dienen.

Die Mutter ist empört, versucht Anna ihren Willen aufzuzwingen. Dass Kate selber gar nicht mehr so weiterleben möchte, will die Mutter einfach nicht wahrhaben. Was sie nicht weiß: Kate hat ihre Schwester gebeten, sich zu weigern, weiterhin als „Organspenderin“ für sie da zu sein. An Kates letztem Abend ist die Familie an ihrem Bett versammelt. Ihre Schwester Anna, ihr Bruder Jesse und ihr Vater verabschieden sich unter Tränen von ihr. Sie wissen: Diesmal ist es ein Abschied für immer. Nur die Mutter akzeptiert es immer noch nicht. Kate schickt alle hinaus – außer ihrer Mutter. Diese setzt sich zur Tochter auf das Bett: Du musst dich ausruhen. Du musst stark sein für die Operation. – Da zeigt Kate ihrer Mutter ein Fotoalbum: Das habe ich für dich gemacht. – Was ist das? Die Mutter fängt an zu blättern. – Das sind wir, unsere ganze Geschichte. Kate richtet sich im Bett auf: Weißt du noch die Bestrahlung? Ich hatte solche Angst. Aber du hast mich nie verlassen. – Sie blättern nun gemeinsam im Album. Kate: Weißt du noch, als ich im Sommer ins Camp fuhr? Ich hatte Angst, dass ich euch vermissen würde. Bevor ich in den Bus stieg, hast du mir gesagt, ich solle mich auf einen Platz an der linken Seite setzen. Direkt ans Fenster. Damit ich zurückschauen und euch dort sehen konnte. – Kates Mutter kommen die Tränen: Ich erinnere mich. – Kate: Auf diesem Platz sitze ich jetzt auch. Es wird alles gut. – Zum ersten Mal realisiert Kates Mutter: Es ist vorbei. Es gibt kein Halten. Keine OP wird ihrer Tochter das Leben verlängern können. Zärtlich nimmt Kate ihre schluchzende Mutter in den Arm: Alles wird gut, ich verspreche es. – Die Kamera fährt nach oben. Mutter und Tochter liegen aneinander geschmiegt im Krankenbett. Kate stirbt in dieser Nacht.

Mosaikartig wie Kates Album erzählt Nick Cassavetes‘ Film „My Sister‘s Keeper“ das Drama von Krankheit, Leiden und Sterben – und wie das Leben weitergeht. Jeder in Kates Familie braucht seine eigene Zeit, damit fertig zu werden. Auch die Mutter wird loslassen lernen. Und Trost finden, wenn sie liest, was ihre Tochter auf der ersten Seite des Fotoalbums geschrieben hat: „Ich habe einen Schutzengel, der jede Sekunde eines jeden Tages über mich wacht. Egal, wie krank ich bin, ich weiß, dass ich niemals allein bin.“ Für Kate war offensichtlich mit dem Tod nicht alles vorbei. Ja, der Karfreitag hat nicht das letzte Wort. Jesu Auferstehung lässt uns auf ein Leben in Fülle hoffen.
 

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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