Eckpunkte: Arbeit und Muße

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Ruhe, Einsamkeit und Erholung:

Eine der Redewendungen, die im Arbeiter- und Bauernstaat geprägt wurden, hieß: „Freitag ab eins, macht jeder seins“. Das bezog sich nicht etwa auf die Erfahrung, dass Behörden am Freitag nur bis 13.00 Uhr geöffnet hatten, sondern war ein Ausdruck der Mangelwirtschaft. Weil es viele Dinge nicht zu kaufen gab, wurden diese privat am Arbeitsplatz hergestellt. Da die Produktionsmittel ja Volkseigentum waren, hatte man nicht einmal ein besonders schlechtes Gewissen dabei. Und als der Sonnabend kein Arbeitstag mehr war, wurde für manche der Freitagnachmittag zu einer Art Sonnabend. Ob Planwirtschaft oder soziale Marktwirtschaft, einer der wesentlichen Lebensrhythmen ist der Wechsel von Arbeit und Erholung, Alltag und Fest. Unser Siebentage-Rhythmus begründet sich in der Bibel. „Heilige den Sabbat“, lautet das dritte Gebot, das sich schöpfungstheologisch aus dem Buch Genesis herleitet: „Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.“ (Gen 2,3).

Ebenso hat die Antike über Muße und Arbeit nachgedacht. Muße wurde als Selbstzweck-Tätigkeit (griechisch: „scholé“) verstanden. Gegenbegriff war die auf äußere Zwecke gerichtete Tätigkeit oder Geschäftigkeit „a-scholia“ und wurde negativ als Verlust des Eigentlichen formuliert. Dementsprechend wurde die „Schule“ in der Antike als Ort zweckfreier Bildung im Unterschied zum Handwerk gedacht. Und damit wurde auch eine Wertordnung verbunden. Die auf äußere Zwecke gerichtete Tätigkeit sollte Raum schaffen für selbstzweckhafte Vollzüge und hatte in diesen ihren Sinn. So schreibt Aristoteles: „Wir sind unmüßig, um müßig zu sein“ (EN 1177b). Dass diese Einsicht besonders in der Neuzeit nicht von allen geteilt wurde, zeigt exemplarisch der Wirtschaftssoziologe Max Weber: „Man arbeitet nicht allein, dass man lebt, sondern man lebt, um zu arbeiten.“ Und wer kennt nicht Leute, die von sich behaupten, eine Siebzig-, Achtzig- ja gar eine Neunzigstundenwoche zu haben – und die auch noch stolz darauf sind.

Dass das Gleichgewicht zwischen beiden Seiten aus dem Ruder laufen kann, ist nicht erst eine Erfahrung in der globalisierten Welt. Der Abt und Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux, dessen Gedenktag wir wie jedes Jahr am 20. August feiern, schreibt im 12. Jahrhundert in einem Brief an Papst Eugen III.: „Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Darin lobe ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomons kennt: ‚Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit‘ (Sir 38,25)“. Aber nicht nur salomonische Weisheit ist die Frucht der Muße, sondern auch die Gotteserkenntnis selbst: „Habt Muße und erkennt, dass ich Gott bin.“ (Ps 45,11). Nicht umsonst sind es bevorzugt Orte der Einsamkeit und Stille, wo Menschen Gotteserfahrungen machen.

Wenn man heute eine allgemeine „Verdunstung des Religiösen“ konstatiert, so ist eine Ursache sicher auch die Überbewertung von Arbeit bzw. zielorientiertem Tun. Der amerikanische Kulturphilosoph Robert Harrison knüpft an die biblische Einsicht und Erfahrung an. Er sieht in Muße und Einsamkeit die „wesentlichen Quellen der Identitätsbildung und der Kreativität [...] Alles ist heute zielorientiert und zweckgerichtet. Erziehung kann aber nur gelingen, wenn sie den Sirenenklängen der Aktualität widersteht.“ (NZZ, 5.8.2016) Nun müssen wir uns zwar vielleicht die Ohren nicht völlig verstopfen, aber wir können zumindest versuchen, uns gerade in der Urlaubszeit unserer eigenen Quellen bewusst zu werden. Warum nicht einmal das (Arbeits)-Handy ganz zuhause lassen? Die Sirenen der Aktualität getrost zu ihrem eigenen Vergnügen singen lassen, derweil wir uns den Rat des heiligen Bernhard zu Herzen nehmen: „Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9,22), lobe ich Deine Menschlichkeit – aber nur, wenn sie voll und echt ist. Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selber verloren hast? [...] Denn was würde es Dir nützen, wenn Du – nach dem Wort des Herrn (Mt 16,26) – alles gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nicht alles von Dir haben? Wie lange noch bist Du ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78,39)? Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber?“ Ich wünsche schöne Ferien und gute Erholung!

Pater Christof Wolf SJ

Weitere Eckpunkte finden Sie hier.

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