Eckpunkte: Von Abraham lernen?

Pater Christof Wolf, Geistlicher Beirat der GKP, über Umkehr, Vertrauen und das Abenteuer des Glaubens:

Kraftvoll heißt es am Aschermittwoch: "Kehrt um, und glaubt an das Evangelium." Umkehren – das klingt wie denselben Weg zurückgehen müssen. Als ob man in eine Sackgasse geraten sei. Wenn man es nicht so örtlich nimmt, sondern als eine geistige Einstellung, könnte man auch sagen: Verlass deine ausgetretenen Pfade, versuch etwas Neues, raus aus den alten Gewohnheiten! Gewissermaßen der Urvater dieser Haltung ist Abraham, folgt er doch vertrauensvoll Gottes Ruf zum Aufbruch "in das Land, das ich dir zeigen werde". (Gen 12:1). Am zweiten Fastensonntag sodann hören wir von der vielleicht größten Prüfung seines Lebens: Er soll Isaak opfern, den einzig geliebten Sohn, den ihm seine Frau Sarah geboren hat. Einfach so zu akzeptieren, dass JHWH wirklich das Opfer will, fällt schwer. Auch dies muss man wohl aus einer neuen Perspektive betrachten. So fragt etwa die amerikanische Philosophin Eleonore Stumpf nach den Motiven JHWHs. Was für einen Sinn sollte Isaaks Opferung denn haben? Damit wäre ja JHWHs Versprechen an Abraham hinfällig: "Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein." (Gen 12:2). Übrigens ist in der ganzen Abrahamsgeschichte sonst nie von Brandopfern die Rede. Auch wenn Abraham im verheißenen Land Kanaan Altäre zu Ehren JHWHs errichtet, bringt er doch niemals Brandopfer dar, sondern verehrt den Herrn durch Gebete. Aber vielleicht versteht man den Text besser, wenn man sich fragt, was Abraham lernen sollte. Möglicherweise einfach dies: Selbst wenn es gegen jede menschliche Vernunft spricht, ja sogar wenn damit alles in Frage gestellt wird – JHWH ist nun einmal größer als unsere Logik und Vorstellungskraft.

Von Gesprächen, die Vater und Sohn unterwegs geführt haben könnten, ist nur ein ganz kurzer Dialog überliefert, als Isaak den Vater fragt, wo denn das Opfertier sei. Gewiss hat der Knabe Todesangst ausgestanden. Ob und wie diese Erfahrung Isaaks Verhältnis zu seinem Vater und zu JHWH verändert hat, steht nicht geschrieben. Aber vielleicht hat er auch die Verheißung des Engels gehört: "Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand." (Gen 22:16-17). Als Abraham stirbt, begraben ihn seine zwei Söhne Isaak und Ismael. Selbst wenn man noch die Kinder der anderen Nebenfrauen Abrahams dazu nimmt, sind seine Nachkommen längst nicht so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Und doch hat sich das Versprechen JHWHs erfüllt, aber vielleicht auf andere Art, als Abraham es sich vorstellen konnte. Gehören doch den abrahamitischen Religionen weltweit Milliarden von Menschen an. Und noch etwas anderes ist an Abraham interessant. Als er von Ur aufbrach und in die Fremde zog, gab es noch keine Institution, nach deren Lehre, Tradition oder Dogmatik er sich richten konnte. Sein Glaubensweg ist ein Weg ins Ungewisse, ein Abenteuer. Und das ist typisch für viele Geschichten im Alten und auch im Neuen Testament. Wer glaubt, verharrt nicht zufrieden im Status Quo. Er oder sie bricht mit ganzer Kraft und einer gewissen Radikalität aus dem Gewohnten auf. Im Lukas-Evangelium versucht Jesus verschiedene Menschen zur Nachfolge zu motivieren: "Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes." (Lk 9:59-62). Man hat den Eindruck, dass die Zögernden sehr leicht noch mehr Gegengründe hätten finden können. Aber was sind schon tausend Gründe, wenn Gott allein zählt! Am Ende ist das auch Abrahams Lebens- und Lernerfahrung. Wir müssen nicht den Menschen gefallen, wir müssen nichts schaffen, was in der Gesellschaft Ruhm, Anerkennung und Macht bringt. Die biblische Botschaft führt uns in die Freiheit des inneren Friedens. Gott zuerst – vielleicht versuchen wir das in der Fastenzeit einmal ernst zu nehmen und zu leben.

Pater Christof Wolf SJ

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