Ärger über corrective.org

In der Rubrik "Zu meinem Ärger" in den GKP-Informationen kritisiert Felix Neumann eine journalistische Fehlleistung der Online-Plattform "Correctiv", die sich eigentlich für saubere Recherche und gegen "Fake News" einsetzt:

Worüber haben Sie sich zuletzt in den Medien so richtig geärgert?
Im Ruhrgebiets-Blog von Correctiv erschien am 31. 1. der Artikel „Pretzell und Petry in Erklärungsnot“. Der Tenor: Die beiden AfD-Politiker müss-ten als Ehepaar einen gemeinsamen Hauptwohnsitz haben und könnten daher nicht zwei verschiedenen Landtagen angehören – süffisant wurde Scheidung vorgeschlagen. Frauke Petry ist Mitglied des sächsischen, ihr Mann Marcus Pretzell kandidiert für den in NRW. Grundlage des Artikels war eine Aussage des Speyerer Verwaltungsrechtlers Joachim Wieland im ZDF-Magazin Frontal 21.

Mit viel Schadenfreude wurde der Artikel geteilt; allein bei Facebook gab es mehrere Tausend Reaktionen. Schon kurz nach Veröffentlichung wurde Kritik laut: Wäre die Rechtslage so wie dargestellt, wäre sie kaum mit dem grundgesetzlichen Schutz der Ehe vereinbar. Doch es brauchte gar nicht die luftige Höhe des Verfassungsrechts, eine Verwaltungsvorschrift regelt die Möglichkeit zweier Hauptwohnsitze bei verschiedenen Lebensmittelpunkten. Zwei Tage später ergänzt Correctiv das, um direkt danach wörtlich und unkommentiert eine Pressemeldung des ZDF anzuhängen, in der Wieland seine Position bekräftigt.
Für mich ein Beispiel, wie Journalismus sich nicht von der Schlagzeile leiten lassen sollte. Sauber wäre gewesen: Nicht nur eine Position zustimmend abmelden, die ins Konzept passt. Nach Gegenargumenten, nach Präzedenzfällen und Rechtsprechung recherchieren, diese fair abbilden und einordnen. Sich nicht zum Sprachrohr einer Seite machen, schon gar nicht unkommentiert PMs übernehmen. Und schließlich wesentliche Korrekturen gut sichtbar darzustellen.
Besonders ärgerlich: Correctiv, das gegen „Fake news“ und tendenziösen Kampagnenjournalismus saubere Recherche setzen will, hat sich so selbst angreifbar gemacht. Eine offene Flanke, die Rechtspopulisten dankbar angegriffen haben.

An welcher journalistischen Leistung konnten Sie sich jüngst erfreuen?
Freuen kann man sich nicht, wenn wie im Bistum Limburg wegen des Besitzes von Kinderpornographie ermittelt wird. Ich bin aber froh, dass mittlerweile in der Kirche transparent, ehrlich und schnell darüber informiert wird. Früh morgens meldete die Frankfurter Neue Presse den Vorgang, schon vor Mittag informierte Bistumssprecher Stephan Schnelle per live auf Facebook übertragener Pressekonferenz die Öffentlichkeit – professionell, transparent, unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte des Betroffenen.

Wie reagieren Sie Ihren Ärger ab?
Das Geheimnis ist: Sich nie so sehr ärgern, dass man sich um Abreagieren aktiv kümmern muss.

Felix Neumann, Jahrgang 1983, studierte Philosophie und Politikwissenschaften in Freiburg. Er arbeitet als Social-Media-Redakteur bei katholisch.de, dem Onlineportal der Deutschen Bischofskonferenz.

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