Abenteuer Beruf von Bernhard Remmers

"Presse - Werft die Bande raus!" Eine Pressekonferenz, bei der der junge Journalist Remmers wirklich Angst bekam.

Heute ist Bernhard Remmers Journalistischer Direktor des ifp, der katholischen Journalistenschule in München. Von 1990 bis 1994 berichtete er nach dem Volontariat für das Flensburger Tageblatt und den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (shz) aus dem Landeshaus in Kiel.

Wer erinnert sich noch an Björn Engholm? Ein gut aussehender Mann aus der stolzen Hansestadt Lübeck, kulturbeflissen und in den 1990er Jahren ein Hoffnungsträger der Sozialdemokraten in Deutschland. Als junger Journalist in Schleswig-Holstein durfte ich in jener Zeit für das Flensburger Tageblatt über die Landespolitik berichten. Das allein war schon spannend. Zur Erinnerung: 1988 hatte Björn Engholm zusammen mit der SPD im Norden die CDU als Regierungspartei abgelöst. Die Union hatte nach Jahrzehnten die Regierungsbank räumen müssen, weil sie in der Barschel-Affäre mit schmutzigen Wahlkampftricks ihre moralische Legitimität verspielt hatte und die Sozialdemokraten in der Folge bei den Landtagswahlen die absolute Mehrheit gewannen. Björn Engholm stand als strahlender Saubermann dar und war ab 1991 Kanzlerkandidat der SPD, sollte mit seinem in Kiel erworbenen Nimbus den „ewigen“ Kanzler Helmut Kohl vom Sockel stoßen.

Zwei Jahre später. Der Saal in einem Gemeindezentrum am Stadtrand von Kiel ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Luft ist schlecht, die Stimmung angespannt. Immer mehr Journalisten drängen in den Raum. Sie wollen über die Parteiversammlung der SPD berichten. Die Genossen murren über die Medienvertreter, machen nur ungerne Platz. Dabei hat die Partei ausdrücklich eingeladen. Schließlich sollen die Journalisten weiter verbreiten, wie sich Björn Engholm öffentlich gegen ungeheuerliche Vorwürfe zur Wehr setzt. Der bislang untadelige Sozialdemokrat soll dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Barschel-Affäre 1987 die Unwahrheit gesagt, die Schleswig-Holsteiner damals also über seine Rolle in der Affäre belogen haben. Wie viele andere Journalistinnen und Journalisten sitze ich am Rande des Saals. Die Menschen vor uns auf den Sitzreihen werfen uns böse Blicke zu. Erste zischende Rufe in Richtung Medien, die alles kaputt machen, den „Björn“ unfair attackieren.
Kurz bevor der Ministerpräsident unter lautem Beifall einzieht, heizen seine Freunde aus dem Parteivorstand die Stimmung weiter an, sprechen von Kampagnen der Medien, fordern zur Solidarität mit Engholm und zur entschlossenen Gegenwehr auf. Die Genossen auf den Sitzplätzen nehmen das dankbar auf, es wird lauter im Saal und schließlich richtet der Zorn sich direkt gegen die anwesenden Journalisten: „Presse, werft die Bande raus!“, tönt es.  Zum ersten und bislang einzigen Mal in meinem Journalistenleben habe ich wirklich Angst. Und ein Blick auf die Kolleginnen und Kollegen links und rechts zeigt mir, dass es denen ebenso geht. Die Rede von Engholm hören wir uns noch an, dann verschwinden wir.
Zwei Wochen später ist Björn Engholm Privatmann. Von allen Ämtern zurückgetreten, nachdem er seinen fahrlässigen Umgang mit Wahrheit einräumen musste. Für mich bleibt in der Erinnerung ein Abenteuer mit Nachgeschmack. Und die Mahnung, dass die Pressefreiheit zu allen Zeiten verletzlich ist.          Bernhard Remmers

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